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„Annas Spuren“ jetzt in leichter Sprache

„Annas Spuren“ ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen von Sigrid Falkenstein. Sie war zufällig über die so genannte „israelische Liste“ mit dem Bundesarchiv entwendeten Namen von Opfern der Aktion T4 auf ihre Tante gestossen.

 

Das Buch war -und ist- sehr gut verkauft und damit gelangte die NS-„Euthanasie“ auch in die großen, klassischen Medien. Bisher fehlte aber ein inklusiver Zugang zu dem Buch, z.B. für Menschen „die nicht so gut lesen können“, wie der Verleger, der Spaß am Lesen Verlag, schreibt.

Annas Spuren in leichter Sprache

Annas Spuren in leichter Sprache

Wir unterstützen Sigrid Falkensteins Aufruf, dem Verlag in seinen Bemühungen, das Wissen um die NS-„Euthanasie“ allgemein bekannt zu machen, zu helfen. Sie schreibt:

 

Leider gibt es viel zu wenige Bücher in Einfacher Sprache, daher möchte ich das Projekt nach Kräften unterstützen.
Da der Verlag kaum Mittel für Werbung hat, bitte ich Sie darum, die Information in Ihren jeweiligen Verteilerkreisen zu verbreiten.

Das Buch ist beim Verlag zu haben, und auch im Buchhandel.

 

Wir starten einen Schul- und Amateurtheater-Wettbewerb

andersartig gedenken on stage logo

 

Wir unterstützen Theater gegen das Vergessen.  In einem bundesweiten Wettbewerb laden wir Theatergruppen dazu ein, sich mit Biographien von Menschen zu beschäftigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden, weil sie als unheilbar oder psychisch krank oder als geistig behindert galten.

 

Kooperationen zwischen Theatergruppen mit Menschen mit und ohne Behinderung sind ausdrücklich erwünscht.Wir unterstützen bei der Suche nach Biografien, Fakten und vermitteln Begegnungen mit Angehörigen.

 

Mehr zur Teilnahme, Anmeldung und den Bedingungen hier.

 

Dieses Projekt wird von zahlreichen Unterstützern getragen.

 

 

Die Entstehung der Gedenkstätte Hadamar. Ein Beitrag von Reimund Benack

Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941  Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941 Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

In der Gaskammer der früheren Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar wurden von Januar bis August 1941 (T 4 Aktion) ca. 10.000 Patientinnen und Patienten ermordet. Nach einer Pause von einem Jahr nahm die Anstalt Hadamar die Funktion einer Tötungsanstalt wieder auf. Als solche war sie eingebunden in die „zweite Mordphase“, bei der noch einmal von August 1942 bis Kriegsende ca. 4.500 Menschen in Hadamar getötet wurden. Dies geschah vor allem durch Verabreichung von überdosierten Medikamenten, Spritzen und gezielter Mangelernährung.

 

Vom Personal in Hadamar waren an den Morden in den Jahren von 1941 bis 1945 aktiv beteiligt: fünf Ärzte, ein Verwaltungsleiter und weibliche sowie männliche Pflegekräfte. Sie mussten sich in zwei Nachkriegsprozessen für die von ihnen begangenen Verbrechen verantworten. Während Ärzte und Verwaltungsleiter aus heutiger Sicht mit geringen Gefängnisstrafen davon kamen, wurden drei Pfleger, die an der Tötung von Patienten durch Medikamente und Spritzen direkt beteiligt waren, durch Befehl Nr. 4 der Militärkommission des Befehlshabers der Siebenten Armee der Vereinigten Staaten, am 14. März 1946 gehängt.

 

1980 wurde Dr. Wulf Steglich  neuer Chefarzt der Psychiatrie Hadamar.
Er beschreibt in seinem Buch: „Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar“ 1)Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
die Schwierigkeiten eines Neuanfanges und Umdenkens in der Behandlung der Patienten und die erheblichen Behinderungen seiner Aktivitäten zur Einrichtung einer Euthanasie-Gedenkstätte im Keller der Psychiatrie Hadamar.

 

Chefarzt Dr. Wulf Steglich traf in der Psychiatrie Hadamar offenbar chaotische Zustände an. Zeitzeugen berichten heute, dass es unter anderem in der Anstalt Hadamar noch bis in die späten sechziger Jahre vorkam, dass Patienten mit Wasserstrahl, Elektroschock und Schlägen traktiert wurden.2)Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980

 

Steglich wollte die Psychiatrie Hadamar, die nach dem Krieg vom Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) teilweise noch bis 1970 mit Pflegepersonal aus der NS-Zeit und nach den veralteten Methoden früherer Ärzte geführt wurde, erneuern. Er erreichte viel beachtete und gefeierte Anfangserfolge, stieß dabei aber auch auf erhebliche Widerstände.

 

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

 

Zum Eklat  kam es dann, als er und sein Team die Keller der Psychiatrie Hadamar öffneten, Patientenakten der Euthanasieopfer sichteten, aufarbeiteten und endlich am Buß- und Bettag 1983 erstmals die von Steglich und seinen Aktivisten eingerichtete Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugängig machten.

 

Nach Auffassung des LWV Hessen, dem Bürgermeister, den Geistlichen beider Konfessionen und der Kommunalpolitik ein schlimmes Vergehen, denn sie hatten die in der Kleinstadt Hadamar praktizierten Strukturen des „Schweigens und Vergessens“ durchbrochen.

 

Dafür haben die Aktivisten um Steglich und Kneuker teuer bezahlt:
Ihre Aufarbeitung der Euthanasieakten wurde behindert wo es nur ging. Die Verwaltungsleitung der Psychiatrie verbot ihnen sogar, das Kopiergerät der Klinik zu benutzen. Die Aktiven wurden argwöhnig überwacht und kontrolliert, ob sie neben ihrer Forschungsarbeit auch genügend für die Klinik leisten. Sie empfanden sich gemobbt verspürten blanken Hass.

 

Dr. Steglich schreibt im Buch:
„Es kann von uns nicht so einfach weggesteckt werden, das Projektionsziel der Aggression von Mitarbeitern – kommunaler, institutioneller und politischer – zu sein.“

„Intrigen, Kündigungsversuche, Querelen um alles und nichts lähmen, binden Kräfte. Heute, Jahre danach, stockt an dieser Stelle die Niederschrift des Buches. Wieder und wieder erhebt sich die Frage, wie in dieser Klinik mit dieser schrecklichen Vergangenheit (heute noch d. Red.) mit Patienten und Mitarbeitern umgegangen wird.“

 

Steglich weiter:
„Viel Positives erfahren wir zu unserer Arbeit. Misstrauen begegnet mir aber auch. Zu gerne hätte ich mit meiner Familie weiterhin in diesem landschaftlich schönen Ort gelebt. Das Befassen mit der Vergangenheit hat mich jedoch vor die Frage gestellt, ob ich unter unwürdigen Arbeitsbedingungen weiterarbeiten und resignieren will – ähnlich vieler „Täter“ in der Euthanasie – oder ob ich unter dem Eindruck wieder aufkommender früheren Strukturen, da die Vergangenheit nicht bearbeitet ist, aus dieser Klinik ausscheide.“

 

Politische Psychiatrie
Dr. Steglich am 15. Juni 1983 –
„ Nur noch wenig Zeit bleibt uns, um das geplante erste Hadamarer Psychiatrie-Symposium zu belegen. Es soll im November stattfinden. Wir stehen im Zielkonflikt zwischen weiterem Dahindämmern und positiver Öffnung. Gerade das Befassen mit der schrecklichen Vergangenheit der Klinik macht uns deutlich, dass wir nur dann hier weiterarbeiten können, nur dann mit Patienten im humanistischen Sinne umgehen, wenn wir uns den immer drängender werdenden Fragen in der Psychiatrie stellen. Ganz besonders drängt sich in Hadamar das Problem auf, wie politische Psychiatrie damals war und heute sein darf.

Gern gesehen ist unser Projekt allerdings nicht. Zu allem Überfluss haben wir auch noch die verrückte Idee, am Buß- und Bettag, der in die Veranstaltungsreihe fällt, einen Euthanasie-Gedenktag einzubauen. Wer wird uns helfen, die uns nun bekannten Räume der Mordaktion zu einer würdigen Informations- und Gedenkstätte herzurichten? Werden überhaupt Besucher kommen? Wer wird die hohen Aufwendungen tragen? Wo werden wir die Zeit, – neben unserer üblichen Klinikarbeit – hernehmen, um das massenhafte Material durchzusehen, uns weiter sachverständig zu machen?

 

Buß- und Bettag 16. Nov. 1983 – Die Dokumentations- und Gedenkstätte Hadamar wird eröffnet.
Dr. Wulf Steglich schreibt in seinem Buch:
„Heute haben wir den – Euthanasie-Tag – des 1. Hadamarer Psychiatrie-Symposiums. Noch am Morgen sind wir ungewiss, welches Interesse gerade diesem Thema entgegengebracht wird, Der vollbesetzte Festsaal beseitigt unsere Zweifel. Viele Gespräche am Rande der Veranstaltung machen uns deutlich, dass eine Menge von uns erwartet wird. Objektive Aufklärung wird verlangt. Heute eröffnen wir die in den letzten Wochen mit viel Mühe entstandene Gedenkstätte in den ehemaligen Vergasungs- und Verbrennungsräumen des Hauses 5. Gestern ließ sich der Landesdirektor diese Dokumentations- und Gedenkstätte zeige. Er war voll des Lobes über unsere Arbeit. Heute haben wir bereits mehrere hundert Gäste in den entrümpelten Räumen. Viele für die Zukunft wichtige Kontakte knüpfen wir an diesem Tag.

Zweifel schleichen sich auch ein in unsere Gespräche heute. Aus unserer Erfahrung und aus der Arbeit mit Patienten wissen wir, dass immer dann, wenn Verdrängtes aufgedeckt wird, heftiger Widerstand erfolgt. Wann wird man auf uns die ersten Steine werfen?“

 

Abmahnung und Kündigung zum 30.Juni 1985
Für Dr. Steglich völlig überraschend, wurde er Ende 1984 vom LWV Hessen abgemahnt, zur Kündigung seines Arbeitsverhältnisses aufgefordert und zum 30.Juni 1985 vom LWV entlassen. Gerhard Kneuker kündigte wissend, dass für ihn unter den gegenwärtigen institutionellen Gegebenheiten eine Weiterarbeit nicht mehr möglich war.

 

Anderen Mitstreitern erging es ähnlich. Sie wurden gemobbt bis zur eigenen Kündigung oder gingen freiwillig. Mehrere mussten ihre Lebensplanung völlig ändern, da man ihnen nach meiner Informationen auch gedroht hatte: „Wir werden dafür sorgen, dass ihr im Kreis Limburg keinen Arbeitsplatz mehr finden werden!“ Einige verließen die Klinik, weil sie nicht in einer Psychiatrie arbeiten wollten, die offensichtlich selbst nicht bereit war, ihre Geschichte aufzuarbeiten und die sich daraus notwendig ergebenden Schlüsse in die Tat umzusetzen. Hadamar ist heute wieder eine der Zwangsbehandlung offenstehende Anstalt.

 

Dr. Steglich schreibt am 30.Juni 1985:
„Wir wollen für uns bekennen, dass wir mit unserer Hoffnung, dem „neuen Hadamar“ und einer „neuen Klinik“ dienen zu können, gescheitert sind.
Die zukünftige Betrachtung wird uns bestätigen: Eine Veränderung ist ohne Aufarbeitung nicht möglich. Eine moderne, humane, soziale und transparente Psychiatrie muss sich ihrer eigenen Geschichte stellen, besonders in Hadamar“.

 

Zweite Kammer Arbeitsgericht Limburg.
Dr. Steglich klagt vor dem Arbeitsgericht gegen die Kündigung. Der Richter stellte fest, dass die Differenzen zwischen Personalrat und Chefarzt nicht einseitig angelastet werden könne. Dem LWV hielt er vor, im wahrsten Sinne Punkte gegen den Arzt gesammelt und nicht deutlich genug geschlichtet zu haben.

Der Verteidiger von Dr. Steglich führte aus, dass sein Mandant bei seinem Amtsantritt in Hadamar „Chaotische Verhältnisse vorgefunden hat.“ Bei dem Neuaufbau der Klinik und der Umstrukturierung sei es zwischen Mitarbeitern und Personalrat zu Differenzen gekommen, die es immer und überall gebe. Dem LWV warf der Verteidiger mangelnde Fürsorge gegenüber dem Chefarzt vor.

Der Richter stellte fest: Die Kündigung sei vor Gericht nicht wirksam. Da der Mediziner als leitender Angestellter jedoch anderen Kündigungsschutzbestimmungen unterliege, werde das Arbeitsverhältnis dennoch beendet, weil es der Arbeitgeber beantragt habe.

 

Die Aufteilung der Gerichtskosten zeigt auch die Aufteilung der Schuld: ¼. Dr. Steglich – ¾ . der LWV Hessen.  Beim Vergleichstermin vor dem Arbeitsgericht im Dez. 1985 3)nnp 19.12.1985 spricht dieses Dr. Wulf Steglich eine Abfindung von rund 80.000 DM zu.

 

 

Weiterführung der Gedenkstätte nach Dr. Steglich
Dr. Steglich und seine Unterstützer befürchten die Schließung der Gedenkstätte nach seiner Entlassung und wenden sich diesbezüglich im Mai 1985 an den LWV Hessen und die Kirchen.

 

Danach haben sich die Zeiten geändert. Bereits im Jahr 1988 war eine Gedenkstätte für die Euthanasie-Verbrechen des NS-Regimes zu haben, nicht schlimmes mehr. Opportunismus war Mode geworden.
Zusammenfassung:
Dr. Steglich ist aus den vorstehend aufgeführten Sachverhalten als Gründer der Gedenkstätte Hadamar anzusehen. Bis heute wird dies vom LWV Hessen, den bisherigen Verantwortlichen der Gedenkstätte Hadamar und der Kommunalpolitik verschwiegen.
Dr. Wulf Steglich wird die Anerkennung seiner richtungweisenden Leistungen als Gründer der Gedenkstätte Hadamar bis heute vorenthalten und verweigert.

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
2. Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980
3. nnp 19.12.1985

NS-Krankenmord im besetzten Polen: Unbekannte Tatorte in Łódź

Der nationalsozialistische Krankenmord im besetzten Polen ist ein Thema, das von der ansonsten sehr intensiven Forschung zur NS-„Euthanasie“, zur Aktion T4 und Zwangssterilisationen kaum aufgenommen wurde.

 

Die deutsch- wie die polnischsprachige Historiographie brachte jeweils genau eine Monographie zu Stande: „Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau“ von Volker Rieß 1)Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau 1939/40. Frankfurt/Main 1995  und „Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa“ [Die Vernichtung von psychisch kranken Menschen im besetzten Polen: Der Anfang des Völkermordes] 2)Tadeusz Nasierowski: Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa. Wasrschau 2008. von Tadeusz Nasierowski. Während Rieß ein riesiges Quellenkorpus, bestehend aus Unterlagen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, meisterte, konnte Nasierowski auf zahlreiche Egodokumente, Erinnerungen polnischer Psychiater an die Zeit des Zweiten Weltkrieges, zurückgreifen. Zugleich jedoch stehen diese Titel symptomatisch für die Unmöglichkeit, alleine schon der Sprachkenntnisse wegen, eine histoire croisée dieses Aspekts der deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg zu versuchen. So nimmt es auch nicht wunder, dass bisher vor allem die Geschichte der großen psychiatrischen Anstalten und ihrer Patienten untersucht wurden: Es gibt dazu bereits Forschung, vor allem aus den 1970-er Jahren, und es gibt Unterlagen der Justizbehörden, die erfolglos versuchten, Täter zur Verantwortung zu ziehen.

 

Dabei gibt es darunter noch eine Ebene an Heimen, Sanatorien und anderen Einrichtungen, deren Insassen ebenfalls in das Blickfeld der deutschen Besatzungspolitik gerieten. Unklar ist dabei, neben der noch weitgehend unbekannten Quellenlage, aber alleine schon die Frage nach dem Warum. Waren es „pragmatische“ Gründe, wegen derer man die Insassen ermordete, etwa mit dem Argument, man benötige die Gebäude oder weil man sich so genannter unnützer Esser entledigen wolle? Oder war es vielmehr das ideologische Primat, das auch im Altreich bekannten Stratgemen von In- und Exklusion folgte und das Endziel einer reinen Volksgemeinschaft vorgab?

 

Nun konnten erstmalig mit Hilfe von Unterlagen des Instituts des Nationalen Gedenkens in Łódź einige kleinere Institutionen, in denen in der 2. Polnischen Republik im Stadtgebiet von Łódź Behinderte betreut worden war, ausfindig gemacht werden. Sie alle, so ergaben -jedoch mit Vorsicht zu betrachtende- Feststellungen des Staatsanwalts des Instituts des Nationalen Gedenkens 3)AIPN  Łódź, Staatsanwaltschiftliches Aktenzeichen S 56/10/Zn wurden im Frühjahr 1940 „geräumt“, d.h. die Patienten sollen von einem Sonderkommando unter Führung des Kriminalpolizisten Herbert Lange ermordet worden sein. Man kennt bisher nur die ungefähre Zahl der Opfer (mit Ausnahme der Einrichtung in der ul. Narutowicza). Es handelte es sich ausschliesslich um kirchliche Einrichtungen. Eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung erscheint auch daher umso lohnender, als die NS-Politik gegenüber den Kirchen im besetzten Polen immer noch nahezu eine terra incognita ist.4)vgl. Jonathan Huener: Nazi Kirchenpolitik and Polish Catholicism in the Reichsgau Wartheland, 1939–1941. In: Central European History 47 (2014), 105–137. doi:10.1017/S0008938914000648

 

Ich konnte drei ehemalige Heime aufsuchen und fotografisch dokumentieren. Das Interessanteste ist die ehemalige katholische Einrichtung Johannesheim im Stadtteil Radogoszcz. Hier steht ein sicherlich mehr als hundert Jahre altes zweistöckiges Haus, das nahezu original erhalten ist. Ein kurzes Gespräch mit einer Bewohnerin ergab, dass es weder an das Wasser- noch an das Kanalnetz angeschlossen ist. Zeugt dies von einer fortgesetzten Marginalisierung von sozial schwachen Menschen, die die Stadt in die in ihrem Besitz sich befindliche Immobilie einweist? Wie auch immer, die Geschichte das Hauses ist vor Ort nicht präsent, es gibt kein Gedenken, keine Erinnerung an die 37 Menschen, die von hier aus an ihren ebenfalls noch unbekannten Todesort gebracht wurden.

 

 

Etwas anders gelagert ist die Situation in dem etwas näher am Stadtzentrum gelegenen, ebenfalls von der katholischen Kirche getragenenen ehemaligen Behindertenheim in der Tkackastrasse. Hier ist keine originale Bausubstanz mehr erhalten. Aber auch hier kennt man weder die Namen der Opfer noch die genaueren Umstände ihrer Ermordung. An dem heute dort stehenden Gymnasium wurden ebenfalls keinerlei Erinnerungszeichen angebracht.

 

Die einzige ehemalige Behindertenhilfeeinrichtung, deren Geschichte als solche gekennzeichnet ist, befindet sich an dem heute als Collegium Anatomicum genutzten Gebäude der Universität Łódź in der Narutowiczastrasse 60. Es muss sich um eine größere Institution gehandelt haben, auch wenn hier keinerlei Opferzahlen bekannt sind. Die am Gebäude befestigte Informationstafel schweigt sich jedenfalls über diesen Teil der Geschichte aus. Dies ganz im Gegensatz zur der einen großen Institution in  Łódź, dem Krankenhaus Kochanówka, an dem dank einer bürgerschaftlichen Initative im Jahr 2013 eine Gedenktafel enthüllt werden konnte.

 

TL;DNR: Es gibt noch viel zu forschen zum NS-Krankenmord in Polen. Eine Erinnerungskultur ist nur in Ansätzen vorhanden. Zu den Tätern weiss man fast nichts.

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Volker Rieß: Die Anfänge der Vernichtung lebensunwerten Lebens in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Warthegau 1939/40. Frankfurt/Main 1995
2. Tadeusz Nasierowski: Zagłada osób z zaburzeniami psychicznymi w okupowanej Polsce: Początek ludobójstwa. Wasrschau 2008.
3. AIPN  Łódź, Staatsanwaltschiftliches Aktenzeichen S 56/10/Zn
4. vgl. Jonathan Huener: Nazi Kirchenpolitik and Polish Catholicism in the Reichsgau Wartheland, 1939–1941. In: Central European History 47 (2014), 105–137. doi:10.1017/S0008938914000648

Petiton für die Namensnennung von Opfern der NS-„Euthanasie“

„Jeder Mensch hat einen Namen. Dieser ist eng verbunden mit seiner Persönlichkeit, seiner Identität und seinem Lebensschicksal. Wer einem Menschen seinen Namen vorenthält, der beraubt ihn seiner Identität und seiner Menschenwürde. Wer den Opfern ihren Namen nimmt, tötet sie im Sinne des Vergessens erneut. Gerade für jüdische Mitbürger ist es wichtig, dass der Name eines Menschen genannt wird, um ihn in Erinnerung zu halten. Bei den Opfern der NS-Euthanasie ist die Situation jedoch anders.“

 

So beginnt eine Petition an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, die die „Aktualisierung, Modernisierung und Humanisierung des Bundesarchivgesetzes“ fordert und im Februar 2015 eingereicht wurde. Hintergrund ist, dass § 5, Abs. 6  dieses Gesetzes die Namensnennung untersagt, da schutzwürdige Belange Dritter berührt sein könnten. In diesem Fall wird mit den Rechten Angehöriger argumentiert. Diese hätten ein Interesse daran, nicht mit Vorfahren in Verbindung gebracht zu werden, die als geistig behindert oder psychisch krank galten und deswegen ermordet wurden.

 

Wir haben zu diesem Thema bereits ein Gutachten bei Dr. Erhart Körting in Auftrag gegeben, der diese Argumentation als juristisch fragwürdig zürückweist und unterstützen die Initiative des Kreisverbandes DIE LINKE Limburg-Weilburg.

 

Die Petition richtet sich an Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Sie lässt in einer Stellungnahme zur Petition eine gewisse Handlungsbereitschaft erkennen:

 

„Mit Blick auf die Bedeutung eines auch namentlichen Gedenkens an die Opfer der NS-Euthanasie und einer umfassenden Aufarbeitung der Umstände der „Euthanasie“-Morde werde ich gemeinsam mit dem Bundesarchiv und unter Hinzuziehung der Beauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit prüfen, inwieweit die bisherige Praxis dem gerecht wird und eine Änderung derselben geboten erscheint.“

 

Die Petition wird von mehreren Angehörigen von Opfern der NS-Krankenmorde unterstützt. So schreibt Sigrid Falkenstein, deren Tante in Grafeneck ermordet wurde, in einem Unterstützungsschreiben an Monika Grütters:

 

„Die längst überfällige und auch heilsame Aufarbeitung wird den Angehörigen von Euthanasieopfern nicht leichter gemacht, indem die Veröffentlichung der Namen in einer Datenbank – wie sie für die jüdischen Opfer existiert – von offizieller Seite abgelehnt wird. Unbegreiflich – im Jahr 2013 wird mit Bezug auf Datenschutzrichtlinien unter anderem argumentiert, man möge auf die heute lebenden Verwandten Rücksicht nehmen. Rücksicht worauf? Auf eine mögliche psychische – gar erbliche – Erkrankung in der Familie? Eine solche Argumentation knüpft doch direkt an das eugenische Denken an, das zur Vernichtung der sogenannten Erbkranken führte. Dies bedeutet nicht nur eine fortdauernde Diskriminierung der Opfer, sondern trägt auch zur Stigmatisierung derjenigen bei, die heute von Behinderungen oder psychischen Erkrankungen betroffen sind. Nicht zuletzt werden dadurch die Schwellenängste von Angehörigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, erhöht.“

Mehr zu der Diskussion um die Namensnennung finden Sie in zahlreichen Beiträgen auf unserem Blog, unter anderem hier:
Tagungsbericht: Zur Frage der Namensnennung der Münchner Opfer der NS­„Euthanasie“ in einem Gedenkbuch

 

 

 

 

Stadtführung: Medizin und Massenmord am 1.8.2015.

In Berlin wurde ab 1939 der Mord an Kranken und Behinderten organisiert. Die Führung geht zu Orten der Planung der NS-“Euthanasie“-Verbrechen: Die Tiergartenstraße, der Potsdamer Platz, die Neue Reichskanzlei und die Wilhelmstraße werden als Tatorte und Orte der Täter erkundet. Es führt Tom Werner.

Treffpunkt ist um 11:00 am Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-”Euthanasie”-Morde. Dauer ca. 90 Minuten. Wir freuen uns über Spenden.

Rez.: Thomas Röske, Maike Rotzoll (Hg.): Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen

Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Erschienen Heidelberg 2014.Verlag Das Wunderhorn. Umfang 118 Seiten. Preis 24,80 €. ISBN 978-3884234709

 

Publikationen zur nationalsozialistischen Praxis und Theorie der Zwangssterilisationen gibt es mittlerweile einige, darunter auch solche, die die Nachgeschichte in Form von Rekompensationsforderungen und ihrer hauptsächlichen Ablehnung in der BRD untersuchen 1) Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010. Die vorliegende Publikation geht nun weit über die vorhandene Literatur hinaus und  präsentiert  in einer überzeugenden Art und Weise „die einzig bislang bekannten bildkünstlerischen Reaktionen eines Betroffenen auf die Zwangssterilisation“ (S. 5). Die Herausgeber zeichnen im einleitenden Aufsatz das Leben von Wilhelm Werner nach, der, nachdem er seine Sterilisation erdulden musste, ein Opfer des NS-Krankenmordes in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein wurde. Werner, der die Operation konsequent als „Sterelation“ bezeichnete, empfand sich selbst als „Volksredner und Theaterrekesör“ (S.9) und wurde 1898 bei Nürnberg geboren. Bereits als Zehnjähriger von den Eltern in die „Idiotenanstalt“ Gemünden“ gegeben, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg  in der Heil- und Pflegeanstalt Werneck aufgenommen. Die von dort an die Zentrale des Krankenmordes in der Berliner Tiergartenstraße 4  gesandten Meldebögen wurden erst vor kurzem zufällig im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden aufgefunden und enthalten auch denjenigen, den ein Arzt der Anstalt für Wilhelm Werner ausfüllte und der ihn somit der Ermordung überantwortete.

Eine der Zeichnungen Wilhelm Weners zeigt eine Sterilisation. Inv.Nr.8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

Eine der Zeichnungen Wilhelm Werners zeigt seine Sterilisation. Inv.Nr. 8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

 

Die Autoren ziehen zur Interpretation seiner Zeichnungen lange kunsthistorische Linien und verweisen auf italienische Maler des 16. Jahrhunderts ebenso wie auf expressionistische Graphiken Oskar Schlemmers aus den 1920er Jahren. Sie deuten die Arbeiten Werners als „Zeitsignatur“, als „Reflexe der umgebenden Kultur, von der kein Gesellschaftsmitglied unberührt bleibt“ (S. 25) und stellen fest, dass sie unseren Erfahrungshorizont überschreiten und in ihrer rätselhaften Darstellungsweise die Eigenschaft des Autors als Außenseiter betonen.

 

Die eingangs erwähnte überzeugende Art der Präsentation des Werkes Wilhelm Werners beruht jedoch nicht nur auf dem großen Wissensschatz, aus dem die Autoren schöpfen. Hervorzuheben ist insbesondere die optische Gestaltung des Buches, die sich durchgängig an den Stil der im Jahr 2008 vom Museum Sammlung Prinzhorn angekauften Blätter des Zeichners orientiert. Erwähnt werden muss auch die durchgängige Zweisprachigkeit in englischer und deutscher Sprache, womit ein Grundstein gelegt sein könnte für die Überwindung des viel beklagten Mangels an Übersetzungen von Arbeiten aus dem Bereich der Forschungen zum NS-Krankenmord. Nicht zuletzt ist der Fund der Meldebögen der Anstalt Werneck ein Beweis dafür, dass auch nach mehr als 30 Jahren an Forschung zur NS-„Euthanasie“ durchaus noch neue Ergebnisse zu erwarten sind.

 

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010.

Rez: Boris Böhm (Hrsg.): „Wird heute nach einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Sachsen überführt.“ Die Ermordung ostpreußischer Patienten in der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein im Jahre 1941

Erschienen: Leipzig 2015; Leipziger Universitätsverlag. Umfang: 172 Seiten. Preis: 22 €. ISBN: 978-3-86583-976-3

 

„Wird heute nach einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Sachsen überführt.“ Die Ermordung ostpreußischer Patienten in der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein im Jahre 1941.

„Beim Thema NS-„Euthanasie“ vermischt sich diese Kollektivgeschichte erschreckend real mit meiner Familiengeschichte“.

Dieses Bekenntnis von Birte Lauer Winkler in ihrem die Publikation einleitenden Porträt ihrer Urgroßmutter, die aus Ostpreußen nach Pirna-Sonnenstein deportiert und dort ermordet wurde, steht beispielhaft für einen großen Teil der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ nach 1945. Sie fand sehr oft aus einer persönlichen Betroffenheit von Angehörigen, Ärzten, Familienforschern und Amateurhistorikern statt.

 

Dieser Band nun istauch  das Ergebnis einer Professionalisierung von Forschung zur NS-„Euthanasie“, die oft mit der Einrichtung von Gedenkstätten einherging. Wie Boris Böhm in seiner Einführung hervorhebt, soll die Mordaktion, der 623 Ostpreußen zum Opfer fielen, nicht als ein singuläres Ereignis gefasst, sondern in die deutsche und ostpreußische Sozial- und Gesellschaftsgeschichte eingeordnet werden (S. 14)

 

Boris Böhm, Hagen Markwardt und Ulrich Rottleb zeichnen demzufolge kenntnisreich und unter Nutzung zahlreicher auch abgelegener Quellen die Geschichte der ostpreußischen Antalten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nach. Dabei werden nicht nur die Entwicklungslinien der  großen Anstalten wie etwa Tapiau, sondern auch kleinerer Einrichtungen der Behindertenhilfe geschildert. Sie führen die im Vergleich mit anderen Teilen Deutschlands verspätete Einrichtung einer psychiatrischen Versorgungsstruktur auf die durch die überwiegend agrarische Struktur der ostpreußischen Wirtschaft gegebenen Möglichkeiten der Betreuung innerhalb der Familien zurück.

 

Ulrich Rottleb und Birte Laura Winkler schildern in dem anschließenden Kapitel den Beginn der Krankenmorde 1939 und die Ermordung ostpreußischer Patienten im Frühjahr 1940 durch ein Sonderkommando in Soldau. Damit weichen sie die etwas enge Eingrenzung des Titels des Bandes zwar auf und weiten den Blick sowohl chronologisch wie auch geographisch. Sie folgen aber im Wesentlichen der neueren wie auch älteren Forschungsliteratur zum Thema und zeigen den Beginn der Benutzung von Giftgas im Warthegau, das mittels eines Gaswagens auch zur Ermordung von etwa 1500 Patienten in einem Lager im ostpreußischen Soldau verwendet wurde. Etwas unverständlich bleiben muss hier, warum die bahnbrechende Arbeit von Michael Alberti 1)M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension nicht rezipiert wurde. Dies kann angesichts der Menge der verarbeiteten Literatur aber als marginaler Mangel betrachtet werden. Nicht so aber der Umgang mit Materialien der Justizbehörden, die im Zuge des Düsseldorfer Verfahrens gegen den HSSPF Wilhelm Koppe entstanden. Dass der Argumentation der Anklageschrift des Staatsanwaltes einfach so gefolgt wird, ohne die besonderen Entstehungsbedingungen, die verfolgten Ziele (nämlich eben explizit nicht geschichtswissenschaftliche Forschung zu leisten) und die beschränkte Aussagekraft dieser Quellenform zu thematisieren, ist ein Versäumnis, das eigentlich seit dem wegweisenden, von Jürgen Finger u.a. herausgegebenen Sammelband nicht vorkommen sollte. 2)Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension  Dies wird aber mehr als ausgeglichen durch eine fundierte Analyse der Gruppenstruktur der Opfer und durch zwei Biographien von Opfern der Mordaktion in Soldau, deren volle Namen dankenswerter Weise genannt werden.

 

Boris Böhm und Birte Laura Winkler zeigen im nächsten Kapitel, dass die Anstalt Kortau als Sammelanstalt für Transporte nach Sachsen im Sommer 1941 diente. Etwa 4.000 Patienten waren dabei auf die sächsischen Anstalten Groschweidnitz, Arnsdorf und Zschadraß, aber auch auf solche in Brandenburg verteilt worden. Böhm schildert die Entwicklung der zur Ermordung vorgesehenen Anstalt Pirna-Sonnenstein, an der auch Direkttransporte aus Ostpreußen ankamen und analysiert die Tatbeteiligung unterschiedlicher Ärzte sowie die Logistik der Transporte, die schon im Vorfeld der Morde zu zahlreichen Todesfällen unter den Patienten u.a. durch die Überbelegung von Anstalten geführt hatte. Hier machen sich die im Rahmen eines Projektes zur Erfassung aller in Sachsen ermordeter Patienten geleisteten Vorarbeiten außerordentlich positiv bemerkbar: So kann Böhm den genauen Todestag für die nach Pirna gebrachten ostpreußischen Patienten nennen.

 

Birte Winkler beschreibt daran anschließend in biographischen Skizzen, die auf den im Bundesarchiv Berlin archivierten Krankenakten basieren, die Lebenwege von Opfern der Morde in Pirna-Sonnenstein. Es ist eine emotional nur schwer zu ertragende Lektüre, wenn durch die dichte und empathische Beschreibung die oft schwierigen und verwickelten Lebensgeschichten dieser Menschen hervortreten.

 

Böhm, Christoph Hanzig und Ulrich Rottleb schildern im nächsten Beitrag den Fortgang der Morde nach der Einstellung der Aktion T4 im August 1941. In Zschadraß, Arnsdorf und Großschweidnitz wurden ostpreußische Patienten durch Medikamente, Hunger und Mangelversorgung ermordet, wobei die Beweisführung oft schwierig ist. Dennoch beeindruckt, welche Detailstufe durch das genaue Studium der überlieferten Krankenakten möglich ist. Auch hier schließen sich Biografien von Patienten dem Analyseteil des Beitrages ein.

 

Im dem den Band abschließenden Beitrag zum Umgang mit den Krankenmorden bis in die Gegenwart unterziehen Böhm und Hagen Markwardt die Erinnerung an die Krankenmorde einer kritischen Analyse. Sie kontestieren ein „idealisiertes Ostpreußenbild für die Zeit vor 1944/45“ (S. 156) und behaupten einen „fast vollständigen Bruch der über 90-jährigen psychiatrischen Tradition“. (S. 157) Damit zeigen sie zwei Komponenten auf, die neben der fehlenden Zugänglichkeit von Quellen als Ursachen für die inadäquate Erinnerungskultur nach 1945 ins Spiel kamen. Bemerkenswert ist die von den Autoren rekonstruierte Diskurspraxis auf den Seiten der Heimatvertriebenen-Publikation „Wir Ostpreußen“, in der noch 1950 behauptet wurde, die Patienten seien von ihrem Leiden erlöst worden. (S. 159) Ob es von Seiten sowjetischer bzw. russischer Historiker eine Aufarbeitung der Krankenmorde auf dem Gebiet des Oblast‘ Königsberg gab, bleibt leider unerwähnt. Die Autoren kommen zum Schluß, dass die ostpreußischen Opfer der Krankenmorde nicht mehr vergessen seien und können als Beleg eine eindrucksvolle Liste an Publikationen und Gedenkformen an unterschiedlichen Orten anführen.

Ein Orts-, Literatur-, und Abblildungsverzeichnis beschließen den Band.

 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass den Autoren des Bandes eine eindrucksvolle Kompilation gelungen ist, die in sich stimmig ist und z.B. Wiederholungen weitestgehend vermeidet. Der Anspruch, die Ereignisse in Ostpreußen und in Pirna in die deutsche Sozial- und Gesellschaftsgeschichte einzuordnen, kann nicht immer als gelungen bezeichnet werden. Dies ist jedoch ein Manko nicht nur dieses Bandes, sondern nahezu aller mittlerweile erschienener Detailstudien zu Regionen oder Anstalten, die von den NS-Krankenmorden betroffen waren. Er ist aber angesichts des ansonsten exzellent analysierten Quellenmaterials auch vielleicht einfach unnötig. Besonders hervorzuheben ist die lückenlose Integration von Biografien von Opfern in den Band. Damit wurde ein Level an integrierter Geschichtsschreibung erreicht, an dem sich zukünftige Publikationen werden messen lassen müssen. Wünschenswert wäre ein Überblick über die Quellenlage gewesen und damit vielleicht auch eine Aussage über die Perspektiven der Forschung zu diesem Gebiet.

 

Insgesamt ist eine Arbeit zu loben, die Standards setzt und teilweise weit übertroffen hat.

Einzelnachweise   [ + ]

1. M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension
2. Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension

[UPDATE mit Programm ] CfP: Tagung des AK NS-„Euthanasie“ 3.-4.10. 2015 Alt-Rehse

Update: Der CfP ist beendet. Das Programm steht und ist hier zum Download verfügbar.

Lange war es unklar, ob es überhaupt eine Herbsttagung des „Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen“ geben wird, doch dann sprang quasi in letzter Sekunde die Erinnerungs-, Bildungs- und Begnungstätte Alt-Rehse ein. Dort passierte ab 1935 unter anderem Folgendes:

Weiterlesen…

„Euthanasie“ – ein guter Tod? Nach- und Auswirkungen in der DDR

Wir freuen uns, im Folgenden einen Text von Dr. Ilja Seifert zu dokumentieren. Er diskutiert mit den Nach- und Auswirkungen der NS-„Euthanasie in der DDR ein wenig beachtetes Thema und zeichnet so auch den Weg zu den aktuellen Auseinnandersetzungen um das Teilhabegesetz nach.

 

„Bundesarchiv Bild 183-1990-0125-035, Berlin, Demonstration von Behinderten“ von Bundesarchiv, Bild 183-1990-0125-035 / Zimmermann, Peter / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0125-035,_Berlin,_Demonstration_von_Behinderten.jpg#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0125-035,_Berlin,_Demonstration_von_Behinderten.jpg

Demonstration vor dem Kino International „Bundesarchiv Bild 183-1990-0125-035, Berlin, Demonstration von Behinderten“ von Bundesarchiv, Bild 183-1990-0125-035 / Zimmermann, Peter / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons –

 

Neubau-Wohnungen, die auch für Menschen gut nutzbar sind, die sich im Rollstuhl fortbewegen, waren bis in die beginnenden 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der DDR unbekannt. Einer derjenigen, die das änderten, war Ulrich Ringk, ein verhältnismäßig kleiner Mann mit schlohweißem Haar. Er arbeitete im „Waldhaus“ des Klinikums Berlin-Buch, einem der Zentren der Querschnittgelähmten-Rehabilitation. Seinerzeit betrachtete man Behinderung noch sehr stark als medizinisches Problem. Aber immerhin fand der fast 60jährige, der von Geburt an körperlich beeinträchtigt war (damals sagte man noch „geschädigt“ dazu), dort Arbeitsbedingungen vor, unter denen er seine Fähigkeiten entfalten konnte. Und er fand – unter Ärzten und sonstigem medizinischen Personal, aber auch unter Patientinnen und Patienten – Aufmerksamkeit, wenn er davon erzählte, wie seine Familie ihn vor der „Euthanasie“ rettete. Da war nachwirkende Angst spürbar. Die Erinnerung daran wurde zum Teil seiner Persönlichkeit. Sie trieb ihn an, stets noch „besser“, noch „nützlicher“, noch „effektiver“ sein zu wollen als all seine Kolleginnen und Kollegen.

Er kam mir am 2. September d.J. bei der feierlichen Einweihung einer zentralen Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der Nazi-„Euthanasie“ wieder in den Sinn. Sie vervollständigt die Reihe der Erinnerungs- und Mahnorte, an denen der faschistischen Verbrechen an „Minderheiten“ gedacht wird. Weder der Ort noch der Zeitpunkt sind Zufall. Hier stand seinerzeit die Stadtvilla, in der am 9. Oktober 1939 der als „Wohltat“ verbrämte Massenmord an „Krüppeln“, „Idioten“ und anderen „Erbkranken“ beschlossen und anschließend bürokratisch-routiniert organisiert wurde. Es ist also ein Ort der (Schreibtisch)Täter. Und dieser „Euthanasie“-Erlass wurde nachträglich – man sagt, von Hitler persönlich – auf den 1. September 1939 rückdatiert. Der Überfall auf Polen, mit dem der verheerende II. Weltkrieg begann, und die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ waren zwei Seiten einer Medaille.
Ewiges Leid?

 

 

Wir gedenken a l l e r Opfer des Faschismus. Und wir halten j e d e s Einzelne in Ehren. Das gilt für jedes I n d i v i d u u m. Das gilt für jede G r u p p e. Deshalb ist es gut, dass – neben den Gedenkstätten für die europäischen Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen – auch die barbarische, systematische Ermordung von rund 300.000 Menschen mit Behinderungen angemessen und würdig in mahnender Erinnerung gehalten wird. Die neue, gläserne Gedenk- und Informationsstätte wird dem Anliegen – auch die systematische Vernichtung von rund 300.000 Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in Erinnerung zu halten – viel stärker gerecht als die schwer auffindbare Bronzetafel, die dort seit Ende der 80er Jahre in den Bürgersteig eingelassen ist.
Ulrich Ringk sprach das Wort „Euthanasie“ nicht rückwärtsgewandt aus. Nein, er warnte davor, dass der Gedanke, „unwertem Leben“ durch diesen „guten Tod“ sogar noch etwas „Gutes“ zu tun, durchaus noch nicht überwunden sei. Er machte uns Jüngere auf den euphemistischen (beschönigenden) Charakter des Wortes sehr nachdrücklich aufmerksam.
Wenn wir aller Ermordeter gedenken sowie Jede und Jeden ehren, verwischen wir nicht die Unterschiede, die sie zu Opfern machten. Bei Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Republikanhängern war es die politische Haltung. Bei Juden – ähnlich wie bei „Zigeunern“ – die „Rasse“. Homosexuelle wurden wegen ihrer sexuellen Identität verfemt, verfolgt und vernichtet.
Menschen mit Behinderungen hingegen wurden von Ärzten, Juristen und Ökonomen von ihren „ewigen Leiden befreit“. Die theoretische „Begründung“ dafür legten der Arzt (Psychiater) Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding schon kurz nach dem I. Weltkrieg mit dem Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1922). Die Nazis verbrämten die Ermordung sogar zur Wohltat: Wenn diese „Missgeburten“ für medizinische Experimente missbraucht wurden – z.B. indem man an ihnen Medikamente „testete“, ohne irgendeinen therapeutischen Nutzen zu erwarten –, sollten sie „froh“ sein, auf diese Weise den „Ariern“ wenigstens irgendwie „nützlich“ sein zu können.
Gleichzeitig diskreditierten Nazis sie als „unnütze Esser“, die der „Volksgemeinschaft“ nur „Kosten“ bescherten und die „Volksgesundheit“ insgesamt beeinträchtigten. Glück könnten sie ohnehin nicht empfinden. Ihr Leben sei „unwert“. Damit wandten sie ein probates Mittel an: Zuerst stigmatisiert (kennzeichnet) man, dann macht man verächtlich; und so wird es oft leicht zu diskriminieren. Die Nazis scheuten dann auch nicht vor der massenhaften Ermordung (sie sprachen von Ausrottung, Ausmerzung, Unschädlichmachung) zurück. Bei Juden, bei Kommunisten, bei Sinti und Roma, bei Sozialdemokraten, bei Homosexuellen, bei Nicht-Ariern (z.B. in der besetzten Gebieten), nicht zuletzt also auch bei Menschen mit Behinderungen. Indem letzteren auch noch Etiketten wie „geisteskrank“ angeheftet wurde, konnte sogar mit einer hohen „Verständnisrate“ gerechnet werden.
Als in der Georg-Benjamin-Straße in Berlin-Buch die ersten „Rollstuhlfahrer“-Wohnungen im Rahmen des komplexen Wohnungsbau-Programms entstanden, hatte Ullrich Ringk einen beachtlichen Anteil daran, dass der soziale Blick auf Behinderung (und die Menschen, die mit ihren Beeinträchtigungen leben!) die medizinische Dominanz zurückdrängte. Immerhin führte das u.a. dazu, daß in den 80er Jahren 10% aller Neubauwohnungen „behindertengerecht“ errichtet wurden. Ihr Standard verbesserte sich mit zunehmender Erfahrung. Auch setzte sich die Erkenntnis rasch durch, daß gehbehinderte Menschen nicht automatisch immer nur im Erdgeschoß wohnen wollen.

 

Umfassendes Teilhabebedürfnis
Dennoch blieb die caritative Geste, das Gutmeinen bzw. „Gönnen“ von ein bisschen Freude durchaus noch lange dominierend. Das Leben mit Behinderung blieb – trotz einiger Aufklärung, die das UNO-Jahr der Behinderten (in der DDR: das Jahr der „Geschädigten“) brachte – etwas „Fremdes“, etwas zu Vermeidendes, etwas zu Heilen bzw. zu Reparierendes. Diese Haltung ist bis heute durchaus noch weit verbreitet.
Das Selbstbewusstsein behinderter Menschen wuchs. Verbesserte Wohnbedingungen ließen – vor allem im Zusammenhang mit verhältnismäßig guten Arbeitsmöglichkeiten und einem hohen Beschäftigungsgrad von Menschen mit Behinderungen – das Bedürfnis nach Mobilität und Teilnahme an andren Lebensbereichen rasch ansteigen, sodass auch Bordsteinabsenkungen in Neubaugebieten zur Normalität und auf großen Alt-Straßen eingeführt wurden. Überall war Ullrich Ringk einer der sachkundigsten Berater für Stadtplaner und Bauleute.
Die T-4-Gedenkstätte allein vermag das Ausmaß des Verbrechens und die kalte Routinemäßigkeit ihrer Ausführung nur teilweise zeigen. Hier werden Einzelschicksale deutlich. Ähnlich arbeitet die Topographie des Terrors. Indem den Ermordeten ihr Name, ihr Lebensgeschichte und auch ihre Familie wiedergegeben wird, entreißen wir sie der Anonymität der großen Masse. Aber erst in Verbindung mit den Orten der Taten – den Vernichtungsanstalten – kommt uns die ganze Perversität des Vorgangs ins Bewusstsein. Hier seien nur die gut geführten – leider durchaus unterfinanzierten – Gedenkstätten in Pirna-Sonnenstein und Hadamar genannt. Aber auch die Geschichte der „Reichsärzteführer-Schule“ im idyllischen Alt Rehse, an dem medizinisches Personal systematisch auf die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ vorbereitet wurde, kann uns die unglaublicher Verrohung und Verdrehung ethischer Werte begreifen lehren.
Unser heutiges Menschenbild ist von der UN-Behindertenrechtskonvention geprägt. Es lobt die Vielfalt, kennt Behinderungen und chronische Erkrankungen als selbstverständliche und gleichberechtigte Bestandteile der Gesellschaft. Sie will freie Persönlichkeitsentfaltung durch volle Teilhabe auf der Basis solidarischen Handelns.

 

Illusionäre Verheißungen
Aber die Gefahr ist längst nicht gebannt. Heute fühlen Menschen mit Behinderungen sich von neuesten „medizinischen Fortschritten“ und den damit verbundenen Veränderungen des Menschenbildes bzw. illusionären Verheißungen des „Machbaren“ bedroht. Die hehren Ziele der Behindertenrechts-Konvention sind längst noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Auch heute noch engen reine „Kosten-Nutzen-Rechnungen“ freie Entfaltungsmöglichkeiten ein. Auch heute noch wird der Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile nicht selten als „Luxusbonus“ bezeichnet, den wir (die Gesellschaft) uns „nicht leisten“ könnten. Auch heute noch wird der „Wert“ mancher Menschen an ihrer „wirtschaftlichen Verwertbarkeit“ gemessen. Das macht uns (den Menschen mit Behinderungen und unseren Angehörigen) – auch, wenn es sich nur um „Einzelmeinungen“ handeln sollte – Angst. Desgleichen können die immer wieder auflebenden Debatten um „Sterbehilfe“ – in denen von „Lebensverlängerung durch Drähte und Schläuche“ über „assistierten Suizid“ bis zu „Tötung auf Verlangen“ nahezu alle Varianten von „nicht mehr lebenswert“ durcheinander gewürfelt werden – unser So-Sein im Da-Sein akut gefährden.
Eine der Konsequenzen, die Ulrich Ringk aus seinem Überleben im Faschismus zog, war, dass er sich denen anschloss, die am konsequentesten gegen die Nazis kämpften: Er wurde Kommunist.
Unsere heutigen Debatten über genetische Untersuchungen und Therapien lernte er nicht mehr kennen. Aber ich bin sicher, dass er sie sehr argwöhnisch begleiten würde. Verheißungen von „ewiger Gesundheit“, „ewiger Schönheit“, womöglich von „ewigem Leben“ durch vorgeburtliche Genmanipulation wären ihm gewiss ebenso suspekt wie Präimplantationsdiagnostik (PID) oder invasive bzw. nicht-invasive Gentests, die keinen anderen Sinn haben, als „Normabweichungen“ zu diagnostizieren. Als wenn es eine „Norm für Mensch“ gäbe! Erst recht erhöbe er gewiss seine Stimme sehr lautstark gegen Äußerungen wie „Das (ein Kind, das mit Behinderung geboren wird) müsste heute doch nicht mehr sein.“ und die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, dass die Solidargemeinschaft (z.B. die Krankenkasse bzw. das Sozialamt) dafür nun wirklich nicht (mehr) aufkommen müsse bzw. könne.
Es gibt Länder in unserer Nachbarschaft, in denen „Euthanasie“ durchaus wieder einen positiven Klang zu bekommen beginnt. „Assistierter Suizid“ wird in manchen Debatten plötzlich zum höchsten Grad freier Selbstbestimmung. Dass solche „Sterbehilfe-Debatten“ sehr schnell einen erheblichen (moralischen und materiellen) Druck erzeugen können, diese tollen „Angebote“ auch zu nutzen, wenn man – im höheren Lebensalter oder lebenslang – auf fremde Hilfe bzw. den Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile angewiesen ist, wird dabei gern überhört.
Die Erinnerung an die „Euthanasie“ – die alles andere als ein „guter Tod“ ist – mahnt uns: Wachsamkeit tut Not!

 

 

(Erstveröffentlichung in „Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE“, Nr. 296 (Heft 10/2014), S. 23 – 26)

 

 

Links 18

Ergänzungen gerne als Kommentar.

 

TV-Beitrag am 20.7.2015: Ich wäre so gerne heimgekommen. NS-Euthanasie im „Dritten Reich“

 

75. Jahrestag der Beginn der Morde in Pirna-Sonnenstein

 

Wer waren die Opfer der Tötungsanstalt Hadamar? Vortrag von Martina Hartmann-Menz am 25.6. um 18.00 in der Stadthalle Limburg

 

Wanderausstellung über die Tötungsanstalt Hartheim im Jüdischen Museum in Eisenstadt eröffnet. Zu sehen bis zum 26.10.2015.

 

Ein Spielfilm über Ernst Lossa, der in der Anstalt Irrsee ermordet wurde, wird momentan in und um Augsburg gedreht.

 

Schloss Grafeneck, ehemalige Tötungsanstalt und jetziger Sitz einer NS-„Euthanasie“-Gedenkstätte, soll verkauft werden.

 

Besucherrekord in der Gedenkstätte Brandenburg/Havel – wegen der Bundesgartenschau werden die Öffnungszeiten verlängert

 

Kirchenvertreter erinnerten mit einer Veranstaltung im Deutschen Historischen Museum an ihre Verantwortung für die Krankenmorde im Dritten Reich

 

 

 

 

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Sa., 13.6., 11: 00 Führung zu Orten der Organisation des Krankenmordes in Berlin

In Berlin wurde ab 1939 der Mord an Kranken und Behinderten organisiert. Die Führung geht zu Orten der Planung der NS-“Euthanasie“-Verbrechen: Die Tiergartenstraße, der Potsdamer Platz, die Neue Reichskanzlei und die Wilhelmstraße werden als Tatorte und Orte der Täter erkundet.

 

Treffpunkt ist um 11:00 am Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde. Wir freuen uns über Spenden.

 

Orte der Organisation des Krankenmordes in Berlin auf einem Stadtplan von 1936.

Orte der Organisation des Krankenmordes in Berlin auf einem Stadtplan von 1936.

Graue Busse – Rote Busse

Kaum ein Begriff hat sich in Forschung und Gedenkkultur zum systematischen Mord an Menschen mit seelischen und körperlichen Einschränkungen während der Zeit des NS derart verselbständigt wie jener der „Grauen Busse“.

 

Dies, da viele Opfer der „Aktion T4“ mit Omnibussen1)Der Transport erfolgte keineswegs nur mit Bussen, sondern auch mit Zügen der Reichsbahn. Zunächst sollten die Opfer prioritär mit der Reichsbahn zu den Orten der Vernichtung verbracht werden, was sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren ließ. Dazu: Vernehmung Richard von Hegener im Heyde-Prozess HHStaWi Abt. 631a Nr.405 (alt: Ks66) Bl. 10. der Reichspost in die sechs, im Deutschen Reich eingerichteten Tötungsanstalten verbracht wurden. Die Busse der Reichspost und Kraftpost waren jedoch seit dem Jahr 1933 rot und nicht grau. Es waren Maßnahmen des Luftschutzes, die dazu führten, dass sämtliche Omnibusse im staatlichen Überlandverkehr mit einem grün-grauen Tarnanstrich versehen wurden. Darunter auch die von der Reichspost zum Zwecke des Krankentransports zur Verfügung gestellten Fahrzeuge.

 

Aufnahme von Pfarrer Alois Dangelmaier vom 2. 10.1940. Die Feststellung der Identität der Opfer durch das „Pflegepersonal“ ist auf dem Foto ebenso erkennbar wie die bürokratische Abwicklung der Transporte. Auffälliger Weise gibt es die gleiche Aufnahme häufig in der  Farbgebung schwarz/weiß, ohne dass Bezug auf die Farbaufnahme genommen wird.  Quelle: Archiv der Stiftung Liebenau

Aufnahme von Pfarrer Alois Dangelmaier vom 2. 10.1940. Die Feststellung der Identität der Opfer durch das „Pflegepersonal“ ist auf dem Foto ebenso erkennbar wie die bürokratische Abwicklung der Transporte. Auffälliger Weise gibt es die gleiche Aufnahme häufig in der Farbgebung schwarz/weiß, ohne dass Bezug auf die Farbaufnahme genommen wird. Quelle: Archiv der Stiftung Liebenau

 

In der öffentlichen Wahrnehmung sowie der Gedenkkultur ist eine nahtlose gedankliche Verbindung entstanden, die Farbgebung der vermeintlich „Grauen Busse“ in den (naheliegenden) semantischen Kontext der von Seiten der Täter unternommenen Verschleierung und Geheimhaltung der Mordtaten zu stellen. Dieser assoziative Konnex ist jedoch falsch. Die Tarnung durch den grün-grauen Anstrich hatte einzig das Ziel, Fahrzeuge und die als Begleitung eingesetzten Täter vor Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Der in der Reichskanzlei als Materialbeschaffer für die „T4“ tätige Richard von Hegener 2) Richard von Hegener, (1905 -1981) war im Jahr 1932 Mitglied der NSDAP geworden. In der Reichkanzlei war er u.a. für die Beschaffung der Medikamente und des Gases zur Ermordung Kranker sowie für die „Kinderfachabteilungen“ zuständig. Hegener wurde im Jahr 1952 zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt und 1956 entlassen. Klee, Ernst. Das Personenlexikon zum Dritten Reich 3. Aufl. 2011 S. 237. äußert sich hierzu am 9. Mai 1960 im Heyde-Prozess und erklärt, warum die Organisatoren vom ursprünglichen Plan der Nutzung des Reichsbahnverkehrs als Transportmittel absahen und weswegen die Wahl auf die im Straßenbild der 30er Jahre allseits bekannten Omnibusse fiel:

„Da es … Schwierigkeiten wegen des Eisenbahnpersonals und in der Zurverfügungstellung von Wagen, wie auch beim Umsteigen, gab“ wurde beschlossen, „die kurzen“ Fahrten „zu den Zwischenanstalten mit Omnibussen durchzuführen. Die Bereitstellung der Omnibusse durch die Post habe ich erwirkt, weil ich gute Beziehungen zum Postminister 3)Karl Wilhelm Ohnesorge (1872-1962) vgl. http://www.deutsche.biographie.de/sfz73283.html hatte. Die Omnibusse wurden äußerlich zunächst nicht mit einem Tarnanstrich versehen. Sie wurden vielmehr mit dem roten Außenanstrich und der RP-Nummer benutzt; erst nach der Hälfte der Aktion wurden sie – ebenso wie die Reichspostomnibusse – mit dem grauen Tarnanstrich (Luftschutz) versehen. Es hätte ja gar nicht in unserem Sinne gelegen, diese Omnibusse für ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit besonders kenntlich zu machen und herauszustellen.“4)Aussage Richard von Hegener am 9. Ai 1960 im Prozess gegen Werner Heyde HHStaWi Abt. 631a 405/a (alt: Ks/66) S. 10.

 

Die Verschleierung der Mordtaten erfolgte also dadurch, dass sich die zum Transport der Opfer eingesetzten Fahrzeuge nahtlos in das öffentliche Erscheinungsbild der damaligen Fahrzeugflotte der Reichspost bzw. des Kraftpostverkehrs einfügten. Demnach handelte es sich um eine umgekehrte Form der „Tarnung“ durch explizite, geradezu erwünschte Unauffälligkeit im Straßenbild.
Die Zuschreibung „Graue Busse“ als gegenwärtiger sprachlicher Code für die der Reichspost zugehörigen Transportfahrzeuge der „Aktion T4“ ruft Assoziationen des Fremden, Unbekannten, vielleicht auch Furchteinflößenden hervor und bewirkt somit die Kappung der Verbindungslinien von den damals Verantwortlichen zu den heute noch bestehenden Nachfolgeinstitutionen.
Im heutigen öffentlichen Nahverkehr gibt es keine grauen Busse mehr, der Anlass für die Umfärbung ist weggefallen. Somit besteht die Gefahr, dass die Gegenwärtigkeit der noch vielerorts nicht aufgearbeiteten „Euthanasie“ – Morde in einen künstlichen Erinnerungsraum verschoben wird, der die naheliegende und greifbare Verbindung in den heutigen öffentlichen Raum, nämlich die im Überlandverkehr vielfach eingesetzten roten Busse der verschiedenen Verkehrsgesellschaften, ausblendet.

 

Omnibus im überregionalen ÖPNV in Hadamar Ortsmitte Foto: Hartmann-Menz

Omnibus im überregionalen ÖPNV in Hadamar Ortsmitte Foto: Hartmann-Menz

 

Aus historisch-kritischer Perspektive ist die Begrifflichkeit „Graue Busse“ kaum zu halten. Dies auch, weil sich die Täterinnen und Täter eines perfiden Sprachcodes bedienten, der den Mord an den Schwächsten der Gesellschaft verklausulierte, beschönigte und in das ideologische Konzept der NS-„Euthanasie“ einzupassen versuchte, um so die vermeintliche Legitimationsgrundlage für den Massenmord zu schaffen. In bewusster Abkehr davon sollte Sprache als Instrument der Aufarbeitung bereits in sich dem Ziel einer präzisen und schonungslosen Offenlegung von Täter und Strukturen verpflichtet sein.
Viele staatliche, institutionelle und private Mittäter waren wissentlich und in Kenntnis der Morde in die „Aktion T4“ involviert. Neben den unmittelbaren Tätern zählen hierzu Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden, Rentenanstalten, Versicherungen sowie jene, die die „T4“ technisch-organisatorisch ermöglichten. In allen diesen Bereichen, auch bei der Reichspost und der Reichsbahn, gab es nach 1945 personelle Kontinuitäten und eine stillschweigende Übereinkunft der Nicht-Anerkennung von Verantwortung. In der Begrifflichkeit „Graue Busse“ bleibt die Reichspost als maßgebliche Mittäterin beim hunderttausendfachen Krankenmord außen vor.
Die Zurverfügungstellung der Transportmittel seitens der Reichspost, ob rot oder in Tarnfarbe, war ein zentrales Element in der Struktur des Mordapparates. Die Reichspost stellte nicht nur Fahrzeuge, sondern auch umfassende technische und logistische Infrastruktur sowie einen Decknamen der für den Transport der Opfer genutzten Omnibusse zur Verfügung. Die wissentliche Mittäterschaft der Reichspost und ihrer lokalen Dienststellen beim Krankenmord ist unabweisbar:

„Wenn mir zur Kenntnis gebracht wird, daß ein österreichischer Zeuge erklärt hat, zu Beginn der Euthanasieaktion sei ihm mitgeteilt worden, er gehöre als Kraftfahrer nun zu der Staffel von Hegener, so habe ich ihm zu erwidern: diese Bezeichnung existierte. Genau hieß es „Sonderstaffel von Hegener“. Anfänglich hatten wir fast ausschließlich Fahrzeuge von der Reichspost. Der Reichspostminister hatte mir eine Bescheinigung des Inhalts ausgestellt, daß die in der Bescheinigung genau bezeichneten Fahrzeuge in jeder Reparaturwerkstatt der Deutschen Reichspost bevorzugt repariert werden konnten. Es hätten sich Schwierigkeiten ergeben können, weil ja diese Fahrzeuge während des Einsatzes bei der T4 nicht von Postbeamten, sondern von Zivilisten gesteuert wurden. In dieser Bescheinigung war die Bezeichnung „Sonderstaffel von Hegener“ geprägt worden. Die Fahrzeuge unterstanden der Gekrat. Diese trat aber nach außen hin nicht in Erscheinung, infolgedessen war für die Postfahrzeuge von der Staffel von Hegener die Rede.“ 5)HHStaWi JS 16a/63GStA Bl. 6.

 

Ein Bus der „Gekrat“ - mit dem typischen weißen Streifen unterhalb der Fenster. Dadurch  (trotz schwarz/weiß Aufnahme) wird dieser als tatsächlich roter Omnibus identifizierbar. Quelle: Landesarchiv NRW

Ein Bus der „Gekrat“ – mit dem typischen weißen Streifen unterhalb der Fenster. Dadurch (trotz schwarz/weiß Aufnahme) wird dieser als tatsächlich roter Omnibus identifizierbar. Quelle: Landesarchiv NRW

 

 

Betrachtet man die Farbfotografie von Alois Dangelmayer (s.o.) wird deutlich, dass die Szene erst mit dem historischen Wissen um den Sachverhalt der „T4“ ihre Brisanz erhält. Täterinnen und Täter agierten bewusst mit dem Alltagsbild der bekannten Omnibusse; auch um die Opfer zu täuschen. Dies verfehlte seine Wirkung nicht. Viele Opfer glaubten, eine „Spazierfahrt“6) Roer, Dorothee, Henkel Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S. 87. zu unternehmen, wenn sie in eine Tötungsanstalt verlegt wurden. Immerhin bestiegen sie ja ein Transportmittel, dessen Anblick ihnen aus dem Alltag geläufig sein konnte.
Die Terminologie „Graue Busse“ hat gegenwärtig noch keinen Eingang in den Duden gefunden. Infolge der Breitenwirkung des „Denkmals der Grauen Busse“ 7)Lilienthal, Georg. Gaskammer und Überdosis. Die Landesheilanstalt Hadamar als Mordzentrum (1941-1945) In: Hadamar Heilstätte-Tötungsanstalt-Therapiezentrum. Hg. George, Uta, Lilienthal Georg, Roelcke Volker, Sander Peter, Vanja Christina (2006) S. 156 ff. ist es nicht auszuschließen, dass diese historisch unscharfe Bezeichnung eine allumfassende Zementierung in Gedenkkultur und Forschung erfährt. Bisher finden sich noch Hinweise auf die parallele Verwendung der Begrifflichkeiten „Gekrat-Bus“ und „graue Omnibusse“8)Weimer, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982) S. 100. Aus der Zeit der „T4“- Morde stammt der Begriff definitiv nicht. Im Umfeld der lokalen mündlichen Überlieferung nahe der Mordanstalt Hadamar ist von „Mordkisten“ und einmal gar von „blauen Bussen“ die Rede.

 

Der Begriff „Mordkiste“ scheint vom Limburger Bischof Antonius Hilfrich aus der mündlichen Tradition aufgegriffen und im Jahr 1941 erstmals verschriftlicht 9)Protestschreiben des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich wg. „Euthanasie“ vom 13. August 1941. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061 Bd.6.  worden zu sein. Eine der frühesten lokalen literarischen Quellen (1948) zum Krankenmord auf dem Hadamarer Mönchberg erwähnt die Reichspost-Busse so, wie sie im allgemeinen Straßenbild, ob rot oder in Tarnfarbe, wahrgenommen wurden: „Langsam näherte sich ein Omnibus von der Faulbacher Straße her, polterte auf die Brücke.“10)Mathi, Maria. Wenn nur der Sperber nicht kommt (1954) S. 267 f. Zur Autorin sei anzumerken, dass sie, obwohl gebürtig aus Hadamar und in der Region verwurzelt, während der Zeit des Krankenmordes nicht dort, sondern am Bodensee lebte. Allerdings stand sie fortwährend im brieflichen Kontakt mit dem Freundeskreis in Hadamar und kann somit als authentische Chronistin der Geschehnisse in ihrer Heimatstadt gelten. Erst im Jahr 1948 kam sie besuchshalber in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, um dort das Material für ihren Roman zu sammeln. Dieser spielt in Hadamar und hat literaturgeschichtlich lokale Bedeutung. Der literarische Gehalt steht hinter der historischen Relevanz mit Blick auf das Entstehungsjahr 1948 weit zurück. In die lineare, sich über drei Generationen erstreckende Handlung bindet die Autorin reale Geschehnisse und Personen mit fiktionalen Elementen zusammen und thematisiert als erste Autorin die Morde auf dem Hadamarer Mönchberg. Eine 1961 veröffentlichte, auf „authentischen Dokumenten und wahren Begebenheiten“ basierende Erzählung trägt den Titel „Die Mordkiste von Hadamar“11)Hermann, Alfred. Die Mordkiste von Hadamar (1961) Ruhr-Verlag Dortmund 46 Seiten. und greift damit die lokale mündliche Überlieferung auf. Im Spiegel-Artikel „Die Kreuzelschreiber“ (19/1961) wird der Begriff „Mordkiste“ unter Bezug auf Antonius Hilfrich verwendet, und in Christa Wolfs Werk „Kindheitsmuster“ (1976), einem der bekanntesten literarischen Zeugnisse zum Krankenmord ist von „mit Tüchern zugehängten Omnibussen“12)Wolf, Christa. Kindheitsmuster (1976) S. 260. die Rede.
Der erste Chronist der „Euthanasie“-Verbrechen, Ernst Klee, verweist mit dem Begriff „Reichspost-Busse der Gekrat“13)Klee, Ernst. „Euthanasie“ im Dritten Reich (1983) Neuauflage 2014 S. 130. klar und eindeutig auf die politisch Verantwortlichen der Zurverfügungstellung von Infrastruktur für den hunderttausendfachen Mord an Menschen mit seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen.
Im Rückblick auf die politischen Debatten zur angemessenen Terminologie bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit („Vergangenheitsbewältigung“ versus „Aufarbeitung“) 14)Adorno, Theodor. Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften (1959) Bd. 10 (1977) S. 555-572. Und: Aufklärung statt Bewältigung. Tondokumente zur Berichterstattung von Axel Eggebrecht über den ersten Auschwitz-Prozess. Stiftung Deutsches Rundfunk-Archiv (2011). fällt auf, dass der politisch brisante Begriff „Reichspost-Busse der Gekrat“ in Forschungsliteratur und Gedenkkultur Gefahr läuft, hinter der auch sprachlich leichtgängigeren Begrifflichkeit „Graue Busse“ zu verschwinden. Cui bono? Eine Fragestellung, die in der gegenwärtigen Phase der vielerorts erst beginnenden personellen und strukturellen Aufarbeitung der „T4“ – Morde fortwährend im Blick zu behalten ist.
Martina Hartmann-Menz, April 2015

Einzelnachweise   [ + ]

1. Der Transport erfolgte keineswegs nur mit Bussen, sondern auch mit Zügen der Reichsbahn. Zunächst sollten die Opfer prioritär mit der Reichsbahn zu den Orten der Vernichtung verbracht werden, was sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren ließ. Dazu: Vernehmung Richard von Hegener im Heyde-Prozess HHStaWi Abt. 631a Nr.405 (alt: Ks66) Bl. 10.
2. Richard von Hegener, (1905 -1981) war im Jahr 1932 Mitglied der NSDAP geworden. In der Reichkanzlei war er u.a. für die Beschaffung der Medikamente und des Gases zur Ermordung Kranker sowie für die „Kinderfachabteilungen“ zuständig. Hegener wurde im Jahr 1952 zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt und 1956 entlassen. Klee, Ernst. Das Personenlexikon zum Dritten Reich 3. Aufl. 2011 S. 237.
3. Karl Wilhelm Ohnesorge (1872-1962) vgl. http://www.deutsche.biographie.de/sfz73283.html
4. Aussage Richard von Hegener am 9. Ai 1960 im Prozess gegen Werner Heyde HHStaWi Abt. 631a 405/a (alt: Ks/66) S. 10.
5. HHStaWi JS 16a/63GStA Bl. 6.
6. Roer, Dorothee, Henkel Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S. 87.
7. Lilienthal, Georg. Gaskammer und Überdosis. Die Landesheilanstalt Hadamar als Mordzentrum (1941-1945) In: Hadamar Heilstätte-Tötungsanstalt-Therapiezentrum. Hg. George, Uta, Lilienthal Georg, Roelcke Volker, Sander Peter, Vanja Christina (2006) S. 156 ff.
8. Weimer, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982) S. 100
9. Protestschreiben des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich wg. „Euthanasie“ vom 13. August 1941. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061 Bd.6.
10. Mathi, Maria. Wenn nur der Sperber nicht kommt (1954) S. 267 f. Zur Autorin sei anzumerken, dass sie, obwohl gebürtig aus Hadamar und in der Region verwurzelt, während der Zeit des Krankenmordes nicht dort, sondern am Bodensee lebte. Allerdings stand sie fortwährend im brieflichen Kontakt mit dem Freundeskreis in Hadamar und kann somit als authentische Chronistin der Geschehnisse in ihrer Heimatstadt gelten. Erst im Jahr 1948 kam sie besuchshalber in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, um dort das Material für ihren Roman zu sammeln. Dieser spielt in Hadamar und hat literaturgeschichtlich lokale Bedeutung. Der literarische Gehalt steht hinter der historischen Relevanz mit Blick auf das Entstehungsjahr 1948 weit zurück. In die lineare, sich über drei Generationen erstreckende Handlung bindet die Autorin reale Geschehnisse und Personen mit fiktionalen Elementen zusammen und thematisiert als erste Autorin die Morde auf dem Hadamarer Mönchberg.
11. Hermann, Alfred. Die Mordkiste von Hadamar (1961) Ruhr-Verlag Dortmund 46 Seiten.
12. Wolf, Christa. Kindheitsmuster (1976) S. 260.
13. Klee, Ernst. „Euthanasie“ im Dritten Reich (1983) Neuauflage 2014 S. 130.
14. Adorno, Theodor. Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften (1959) Bd. 10 (1977) S. 555-572. Und: Aufklärung statt Bewältigung. Tondokumente zur Berichterstattung von Axel Eggebrecht über den ersten Auschwitz-Prozess. Stiftung Deutsches Rundfunk-Archiv (2011).

Links 17 I Neuigkeiten zum Thema NS-Euthanasie

 

Keine Entschädigung für behinderte Heimkinder

Das Morgenmagazin geht dieser eigentlich unglaublichen Geschichte nach: Wer als Kind oder Jugendlicher in einem Heim missbraucht wurde, bekommt eine Entschädigung. Wer das selbe erlebte, aber behindert war, bekommt -nichts. Dazu auch eine

Online-Petition „Ehemalige misshandelte Heimkinder mit Behinderungen entschädigen – Einrichtung eines Fonds“

 

Preis für Forschung zu Opfern der NS-„Euthanasie“ in Bönnigheim (Baden-Württemberg)

Eine Schülerin forschte im Rahmen des Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten

 

Ausstellung zum Gedenken an Opfer der „Euthanasie“ aus Mönchengladbach 

Video u.a.  mit den Reden der Schüler, die die Ausstellung gestalteten (mit Gebärdensprachdolmetschung)

 

Denkmal der Grauen Busse verlässt Reichenau

 

Ausstellung in der Gedenkstätte Wehnen auf dem Gelände der Karl Jaspers Klinik Oldenburg wird aktualisiert

auch in der Gedenkstätte Großschweidnitz gibt es eine neue Ausstellung über den Krankenmord im Sudetengau zu sehen.

 

Zeitzeugen in Brandenburg/Havel gesucht

Schüler suchen nach Menschen mit Erinnerungen an die „Euthanasie“-Anstalt in der Stadtmitte

 

„Ein Hausarzt, der sterben hilft“

Dossier der Zeit zur Sterbehilfe in den Niederlanden

 

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Krankenmorde in Köln am 12.6.2015

 

Deutsch-polnische Tagung „Gedenkstätten an NS-Verbrechen in Polen  und Deutschland. Von Mahnstätten über zeithistorische Museen zu Tourismusorten“.   11.-13.6.2015 in Oraneinburg und Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Ank: Konferenz „Ethische Aspekte der modernen Fortpflanzungsmedizin“ in Alt-Rehse

Die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt-Rehse veranstaltet am 2. und 3. Oktober 2015 das nunmehr dritte Alt-Rehser Wissenschaftsforum. Diskutiert werden u.a. neue Entwicklungen in der Pränataldiagnostik vor dem Hintergrund deren historischer Entwicklung, die alleine schon der Ort vorgibt: In Alt-Rehse befand sich ab 1935 mit der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft ein Gravitationszentrum der NS-Diskurse um Rassenhygiene und damit zentraler Aspekte der Inklusion und Exklusion in und aus der imaginierten Volksgemeinschaft.

 

Die Anmeldefrist ist der 11. September, hier die Anmeldung , das sehr interessante Programm  und der Flyer.

 

Wer noch eine Motivation braucht: Der Tagungsort ist traumhaft an einem See gelegen. Hier ein paar Impressionen: