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Auschwitz und die NS-”Euthanasie”

Ich war vom 6.7.1940 bis zum 18.1.1945 in Auschwitz inhaftiert.

Mit diesen Worten beginnt die zweiseitige Verschriftlichung einer Aussage von Kazimierz Smoleń vom 8.5.1968. Smoleń wurde vom Langerichtsrat Bach in der “Voruntersuchungssache Dr. Horst Schumann”, wie es im Protokoll der Zeugenvernehmung heisst, vernommen.   Der Zeuge war nicht nur einfach ein ehemaliger Häftling des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau gewesen, sondern war zur Zeit der Aussage bereits seit einigen Jahren Leiter des Staatlichen Museums Auschwitz. Diese Funktion sollte er noch bis 1990 innehaben.

 

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

Aussageprotokoll Kazimierz Smoleń. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Sig. 631a/1722

 

Dr. Horst Schumann, gegen den ermittelt wurde, war Arzt, hatte u.a. in Leipzig und Insbruck studiert und mit einer “gerade die notwendigen Rahmenbedingungen”(Ruth Jolanda Weinberger: Fertilitätsexperimente in Auschwitz  S. 19) erfüllenden Dissertation “Zur Frage der Jodresorption und der therapeutischen Wirkung sogenannter Jodbäder” seinen Doktortitel erworben. Sein Weg führte ihn in den öffentlichen Gesundheitsdienst in Halle und schließlich an die Tötungsanstalten Grafeneck und Pirna-Sonnenstein. Im Frühjahr 1941 kam Heinrich Himmler mit Phillip Bouhler, dem Leiter der Kanzlei des Führers und Hauptveranwortlichen für die Aktion T4, überein, auch kranke Häftlinge in den Krankenmord einzubeziehen. Schumann reiste im Sommer 1941 zusammen mit zwei weiteren Ärzten, die für die Aktion T4 arbeiteten, Robert Müller und Friedrich Mennecke, nach Auschwitz. Dort hatte die Lagerleitung vorher ein Gerücht gestreut, dass es bald Transporte in ein Sanatorium geben werde. Zusammen mit SS-Ärzten inspizierten sie dann am 28. Juli die Häftlinge, teilweise aber auch nur die Akten. Am Abend bestiegen 575 selektierte Häftlinge dann einen Zug, der nach Pirna fuhr. Innerhalb von fünf Tagen wurden sie in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.

Horst Schumann führte später in Auschwitz noch Zwangssterilisationen mittels Röntgenstrahlen durch. Ein Opfer erinnerte sich später:

“There we had to get undressed and two metal pipes were placed under our lower body. Then he handled the machine, which was a big monster. I don’t know what he did, but the machine made some noise.” (Quelle, S.24)

 

Dass es überhaupt zu Ermittlungen gegen Schumann kam, war keineswegs selbstverständlich. Nach 1945 waren in Ost und West überhaupt nur 90 Prozesse gegen “Euthanasie”-Täter eröffnet worden, von denen 65 mit einem Freispruch endeten oder eingestellt wurden. Schumannn floh aus der DDR 1951 nach Ghana, wo er als Arzt prakizierte. 1966 in die BRD ausgeliefert, musste er gleich nach Beginn des Prozesses in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Chronischer Bluthochdruck verhinderte zwar die Fortführung der Verhandlung, allerdings nicht Schumanns Weiterleben bis 1983. Ein Artikel im Spiegel vom 11.12.1972 beschrieb ein Komplott aus willfährigen Ärzten, die ihrem Standesgenossenmit Gefälligkeitsdiagnosen den Prozeß ersparten, und einem Angeklagten, der die Justiz zum Narren hielt. Smoleń hatte umsonst ausgesagt, konnte aber noch bis 2012 auch dieses Detail der Geschichte des Lagers Auschwitz weitererzählen.

Er starb am 27.1.2012.

 

Dank an Dr. Boris Böhm von der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein für den Vortrag “Die Ermordung von polnischen Psychiatriepatienten und KZ-Häftlingen in der „Euthanasie“-Anstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41″ auf der Konferenz Medizin im besetzten Polen im Schatten des Nationalsozialisms. Er wird im Tagungsband Ende des Jahres erscheinen.

 

 

Offene Landkarte des Gedenkens an NS-”Euthanasie” am 27.1.2015

Der 27.1.2015 ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.  Er wurde im Januar 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gelegt. Seitdem nutzt eine Vielzahl von Gedenkinitiativen den Tag, um auf das Schicksal unterschiedlicher im “Dritten Reich” verfolgter Personen und Gruppen hinzuweisen.

 

Wir haben eine Karte bei Google Maps angelegt, die alle Aktivitäten zur Erinnerung an die Opfer des NS-Krankenmordes und der Zwangssterilisationen am und um den 27.1. verortet. Sie ist für Jede(n) bearbeitbar. Wenn also etwas fehlt, können Sie es selbst nachtragen (Klick auf  das Kästchen-Symbol oben rechts öffnet die Karte in einem neuen Fenster, dann auf “Bearbeiten klicken und eine Markierung hinzufügen). Bitte auch eine Mail an robert.parzer@gedenkort-t4.eu mit dem Text des Eintrages, damit er hier im Blog eingepflegt werden kann.

 

Der besseren Zugänglichkeit halber sind alle bisher bekannten Veranstaltungen auch noch einmal unten in Textform aufgeführt.

 

 

Berlin

Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-”Euthanasie”-Programms am 27.1.2015

Die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele lädt am 27.1.2015 zu einer Gedenkveranstaltung um 14:00 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors. Um 12.30 besteht die Möglichkeit zu einer Führung durch die dortige Ausstellung, nach der Veranstaltung können die Teilnehmer zum Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße laufen oder fahren, um dort Kränze niederzulegen. http://blog.gedenkort-t4.eu/wp-content/files/2014/12/Gedenkveranstaltung-27.1.2015-Einladung-und-Anmeldung.pdf

 

Berlin

Ausstellung – Im Gedenken der Kinder -

Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit. Eine Gastausstellung
der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.
Über 75 Jahre nach dem Beginn systematischer Tötung von geistig und körperlich
behinderten Menschen erinnert die Ausstellung an das dunkle Kapitel der
„Kinder-Euthanasie“ während der Zeit des Nationalsozialismus. Über 10.000
von ihnen fielen bis 1945 den verschiedenen Programmen zur Vernichtung
„lebensunwerten Lebens“ zum Opfer.
Die Ausstellungs-Eröffnung ist am 27.01.2015 um 18.30 Uhr,
zu der wir herzlich einladen.
Die Ausstellung befindet sich in der ehemaligen
Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik Haus 10
Vivantes GmbH | Netzwerk für Gesundheit
Oranienburger Str. 285 | 13437 Berlin
Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 10.00 – 13.00 Uhr
So. 13.00 – 17.00 Uhr
Info und Anmeldung: Fon +49 30 49 85 733
mail@totgeschwiegen.de | www.totgeschwiegen.org
www.im-gedenken-der-kinder.de
Einführung: PD Dr. Thomas Beddies, Berlin,
Historische Kommission der DGKJ Gruppenführungen
Gruppenführungen sind nach
Voranmeldung möglich.
Anmeldung
Info und Anmeldung: Fon +49 30 49 85 733
mail@totgeschwiegen.de | www.totgeschwiegen.org

 

Brandenburg/Havel

Gedenkstätte für die Opfer der „NS-Euthanasie“ Nicolaiplatz 30: 27.1.2015  Gedenkveranstaltung um 17.30 mit Vortrag: Dr. Werner Dietrich (Halle/Saale): Das Schicksal des deutsch-jüdischen Arztes Dr. Gustav Flörsheim (1894-1943).

 

Zwiefalten
Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und der Euthanasie-Verbrechen
Ort: Münsterklinik, Hauptstraße 9, 88529 Zwiefalten

 

Reutlingen-Rappertshofen
Gedenkfeier Ort: Heim für körper- und mehrfachbehinderte Menschen,
Reutlingen-Rappertshofen, Rappertshofen 1, 72760Reutlingen

 

Zentrum für Psychiatrie Reichenau
Feursteinstraße 55
78479 Reichenau Di 27.1.2015 10.30 – 12.00 Uhr
Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
Raum 113, Haus 20
Die Euthanasie aus der Sicht eines Betroffenen
Dr. med. Gabriel Richter, Reichenau http://www.zfp-start.de/web/zprwww/dateien/2014/11/11/dc_2014_11_11_da5a29f19e1580408c/Grauer%20Bus%20begl_%20Veranstaltungen.pdf

 

„Erinnern, Betrauern, Wachrütteln“ – Gedenkveranstaltung des
Landesverbands Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.

27.01.2015, 10 Uhr Heiligen-Geist-Kirche, 11.30 Uhr Rathaus Wismar http://www.lpb-mv.de/cms2/LfpB_prod/LfpB/de/the/27.01._-_Tag_des_Gedenkens_an_die_NS-Opfer/index.jsp

 

Wiesloch, Psychiatrisches Zentrum Nordbaden: 27.01.2015 16:00 Uhr – 18:00 Uhr , Haus 59 und Festhalle:  Ministerin Katrin Altpeter weiht die Erinnerungsstätte für die damalige “Kinderfachabteilung Wiesloch” ein.  http://www.pzn-wiesloch.de/unser-zentrum/news-veranstaltungen/detailansicht-termine/veranstaltung/270115-gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus/

 

Evanelische. Gemeindehaus am Blarerplatz, EsslingenEinladung zum Tag des Gedenkens an die Opfer
des Nationalsozialismus Dienstag, 27. Januar 2015, 18.00 Uhr
Buchvorstellung:
Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt:
»Esslingen am Neckar im System von Zwangssterilisation und „Euthanasie“ http://ev-bildungswerk-esslingen.de/files/a-files/flyer_gedenkstunde_2015_klein.pdf

 

Museum Bisingen, Kirchgasse 15,  19.00 Am 27. Januar 2015 um 19 Uhr zeigt der Verein KZ-Gedenkstätten Bisingen e.V. den nationalsozialistischen Propagandafilm “Ich klage an”, der am 29. August 1941 uraufgeführt wurde. Wegen seiner Werbung für Euthanasie zählt dieser Propagandafilm heute in Deutschland zur Gruppe der Vorbehaltsfilme und ist daher nur eingeschränkt zugänglich. http://kzgedenkstaettenbisingen.com/2015/01/

 

Ausstellung zum Gedenken an die Opfer der Euthanasie-Verbrechen
Dienstag, 27. Januar 2015 11:00 Ständehaus Kassel Ständeplatz 6 – 10 34117 Kassel

Anlässlich der landesweiten Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Ständehaus präsentiert der LWV Hessen die Ausstellung
IN MEMORIAM Sie wurde von Michael und Katharina von Cranach im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde entwickelt. Auf mehr als 40 Tafeln wird das nationalsozialistische „Euthanasie-Programm“ beschrieben. Rund 180.000 behinderte und psychisch kranke Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 in Deutschland getötet.

 

Geschichtswerkstatt Barmbek, Wiesendamm 25: Donnerstag, 29. Januar, 19:00 Filmvorführung: Meine Schwester Irma – Ein Opfer der ‚Kinder-Euthanasie‘
Eine Spurensuche mit Antje Kosemund, ein Film von Jürgen Kinter : , Eintritt: frei/Spende erbeten

 

Leben mit Behinderung Hamburg, Südring 36, 22303 Hamburg Samstag, 31. Januar
Auslese. Von ‘Euthanasie’ und Pränataldiagnostik

13:00 + 14:30 – ‘Zum Andenken’ – Film von Sina Moslehi mit anschließendem Gespräch

16:00 – Einführung zum Thema Pränataldiagnostik
Kerrin Stumpf, Geschäftsführerin Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein e. V.

16:30 – Podiumsdiskussion ‘Die guten ins Töpfchen’
Mit Silke Baumgarten – Journalistin (angefragt), Silke Koppermann – Gynäkologin, Ulrike Meyer-Glitzer – Vorsitzende Interessenvertretung Leben mit Behinderung Hamburg, Michael von Cranach – Psychiater, Moderation: Klaus Becker – Inklusionsbüro Hamburg

Eintritt frei, Anmeldung unter info@lmbhh.de

Ort und Veranstalter: Leben mit Behinderung Hamburg, Südring 36, 22303 Hamburg http://www.kulturbank-hh-nord.de/wdg/#veranstaltungen

 

Gedenkstätte Bernburg, 27.1.2015 09:00 Uhr  und Theater Bernburg 27.1.2015 09:30 Veranstaltung der Landesregierung Sachsen-Anhalt anlässlich des Gedenktages der Bundesrepublik Deutschland an die Opfer des Nationalsozialismus Uhr Gedenkstätte für die Opfer der NS-”Euthanasie” Bernburg Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt 06406 Bernburg (Saale) – OT Bernburg Olga-Benario-Straße 16/18

 

Theater mini-art – Kinder- und Jugendtheater Brückenweg 5 47551 Bedburg-Hau Ännes letzte Reise  http://www.niederrhein-freietheater.de/veranstaltungen/112136_2015_01_27_aennes_letzte_reise

 

Arzberg, Bergbräu, Humboldtstraße 4: 28.1.2015 19.00 Der Weg der oberfränkischen Euthanasie-Opfer Begleitveranstaltung zur Ausstellung “… plötzlich gestorben” – NS-Rassenhygiene 1933-45

 

Großer Festsaal des Hamburger Rathauses Szenische Lesung: Briefe an die Stille. Krankengeschichten der Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn 1941 bis 1945. Dokumentarstück von Michael Batz.  27.1.2015 18.00 (für geladene Gäste), 28.1.2015 für Schülerinnen und Schüler http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/fileadmin/images/Puplikationen/Studienzentrum/2014/Holocaust-Gedenktag_Flyer_2015.pdf

 

Pirnaer Werkstätten und Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, Schlosspark 9 – 11, 01796 Pirna. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten und das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V. möchten in einer Gedenkstunde an die Dresdner Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde erinnern. 27.1.2015, 14.00 – 15.30

 

 

Ausstellungseröffnung “Töten aus Überzeugung” am 20.1.2015

Wann: Di 20. Januar 2015, 19 Uhr
Wo:     Jüdisches Gemeindehaus, Fasanenstraße 79–80 10623 Berlin
Laufzeit: 20.1.– 20.2.2015

 

Die Ausstellung “Töten aus Überzeugung” ist ein Projekt von Michael Gollnow und wird von der Pinel gGmbh getragen. Sie war schon u.a. im Rathaus Tempelhof, in der Katholischen Hochschule Berlin und in Wrocław zu sehen. Für die Station an der Jüdischen Volkshochschule wurde die Ausstellung überarbeitet und in das Russische und Hebräische übersetzt.

 

Ausstellungstafel

Ausstellungstafeln

 

Im Folgenden der Pressetext:

 

Der NS-Staat strebte eine einheitliche, rassisch reine, gesunde Gesellschaft an. Jeder, der anders war, konnte verfolgt, verletzt oder ermordet werden. Psychisch kranke Menschen und geistig behinderte sowie als unheilbar eingestufte Patienten wurden zu hunderttausenden zwangssterilisiert und ab 1939 in Deutschland und vielen besetzten Gebieten ermordet.
Die Ausstellung »Töten aus Überzeugung « stellt in Fotografien, Dokumenten und Szenen die grausamen Methoden und Verbrechen der Nationalsozialisten gegen Menschen mit Behinderung dar – von der Aktion »T4«, über die Krankenmorde in Auschwitz-Birkenau bis zur »Sonderbehandlung« jüdischer Patienten.
Die szenische Darstellung in Schaukästen will einen Gegenpol zur reinen Vermittlung von Daten, Fakten und Zahlen setzen und Geschichte »erfühlbar« machen oder »mit dem Herzen aufarbeiten«, wie der Ausstellungsmacher Michael Gollnow sagt.

MICHAEL GOLLNOW, Absolvent der Katholischen Hochschule für Sozialwesen, DIG-Mitglied und Leiter einer Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung der Pinel gGmbH hat die Ausstellung zusammen mit dem Historiker Robert Parzer, Gedenkort T4, gestaltet.

 

 

“Unwertes Leben on tour” jetzt auf youtube

Ein schönes Weihnachtsgeschenk machte uns der Berliner Verein Kellerkinder: Sie stellten den filmischen Bericht ihrer Reise zu Gedenkstätten an Orten der NS-”Euthanasie” online. Sozusagen “live” berichteten sie auch hier über ihre Eindrücke (Zum Nachlesen). Nun besuchen viele Menschen Gedenkstätten – 2013 zählte die Gedenkstätte Hadamar etwa 18.000 Besucher. Das Besondere an den Besuchern, die dieser Film vorstellt ist nun, dass sie wohl von vielen als “besonders” wahrgenommen werden.

 

Probeaufbau des Veranstaltungszeltes

Probeaufbau des Veranstaltungszeltes, in dem in Brandenburg/Havel eine Performance der Gruppe stattfand.

Sie selbst bezeichnen sich als Menschen mit seelischen Hindernissen  und traten als solche an die Gedenkstätten heran Dies führte zu zahlreichen, hochspannenden und nicht immer erfreulichen Ereignissen und Begegnungen  in Hadamar, Brandenburg und Hartheim.Vor ihrem Besuch in Brandenburg erhielten sie gar eine anonyme Email mit Drohungen, die auch diesen bemerkenswerten Satz enthielt:

Früher war die Euthanasie die Feindiagnostik von heute! Werde selber Vater und bevorzuge gesundes Leben

Damit hat dieser -inzwischen identifizierte- Zeitgenosse ungewollt die Tragweite des historischen Ereignisses des nationalsozialistischen Krankenmordes bestätigt.

 

 

 

Ank.: Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-”Euthanasie”-Programms am 27.1.2015

Die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele lädt am 27.1.2015 zu einer Gedenkveranstaltung um 14:00 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors. Um 12.30 besteht die Möglichkeit zu einer Führung durch die dortige Ausstellung, nach der Veranstaltung können die Teilnehmer zum Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße laufen oder fahren, um dort Kränze niederzulegen.

 

Hier die Einladung und Anmeldung als PDF.

 

Damit führt Frau Bentele eine Tradition ihrers Vorgängers im Amt, Hubert Hüppe, fort. Wir haben schon mehrfach über diese Veranstaltungen berichtet. Hier alle Beiträge dazu.

 

Entschädigung für Zwangssterilisationen in North Carolina

In den USA wurden bis weit in die 1980er Jahre hinein etwa 60.000 Menschen zwangsweise sterilisiert, die meisten von ihnen waren als psychisch krank oder geistig behindert eingestuft worden. Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg  die deutschen “Euthanasie”-Verbrechen in den USA bekannt waren, weiteten manche Staaten ihre Sterilisationsgesetze noch aus.

Copyright Lutz Kaelber. Die Grafik zeigt die Rate von Sterilisationen pro Hunderttausend.

Copyright Lutz Kaelber. Die Grafik zeigt die Rate von Sterilisationen pro Hunderttausend.

Nun bezahlt North Carolina den Opfern auf Antrag Entschädigungen. Der US-amerikanische Bundesstaat stellt 10 Millionen Dollar bereit und erreicht doch nur einen Teil der Opfer der  eugenisch begründeten medizinischen Eingriffe. NPR schildert in einem aktuellen Bericht (englisch, auch Audio) einen Fall einer Frau, die als 14-jährige einem Begutachtungsverfahren zum Opfer fiel und deren Akten auch erhalten sind. Allerdings scheinen es die falschen Behörden gewesen zu sein, die die Akten produziert hatten. Entschädigung wird nämlich nur bezahlt, wenn eine staatliche Behörde ihre Zustimmung gegeben hatte. Dies scheint im Fall der heute 72-jährigen Debra Blackmon nicht der Fall gewesen zu sein. Damit wird sie keinen Scheck über 20.000 $ erhalten.

 

Wem dies als Ausgeburt einer verworrenen Bürokratie oder als schlichten Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen, erscheint, der sei darauf verwiesen, dass die Gesetzeslage in Deutschland noch um einiger absurder ist. Die Homepage der AG Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilierten gibt darüber detailliert Auskunft.

 

Dem an der Uni Vermont lehrenden Lutz Kaelber ist zu danken, dass er das Thema der eugenischen Sterilisationen in den USA mit seinen Sudent_innen aufarbeitet und die Ergebnisse online zur Verfügung stellt. Eine ähnliche Offenheit wäre auch der deutschen Forschung anzuempfehlen…

 

Dank an https://twitter.com/C_G_S fürs Aufmerksammachen.

 

Film “lebensunwert, unerwünscht” am 4.12. in der Topographie des Terrors

Der Regisseur Guillaume Dreyfus hat das Naheliegende getan und dabei doch Neuland beschritten: Er interviewte Zwangssterilisierte und Kinder von Menschen, die in der NS-”Euthanasie” ermordet wurden. Seine Interviewpartner hatten sich ab 1987 im Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten organisiert. Sie wollten Anerkennung und Entschädigung und wurden vielfach durch die Ablehnung von beidem noch einmal traumatisiert. Die Homepage des mitttlerweile in eine Arbeitsgemeinschaft überführten Bundes gibt detailliert Einblick in den Kampf mit gefühllosen Paragraphenrittern und die kleinen Erfolge, die dennoch errungen werden konnten.

Die Filmvorfühhrung ist eingebettet in eine Podiusdiskussion, an der neben dem Regisseur auch Michael Wunder und Margret Hamm als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft teilnehmen werden. Beginn ist um 19.00.

 

 

 

Neuerscheinung zum NS-Krankenmord in Mecklenburg und Pommern

Vor kurzem erschien ein Themenheft zur NS-”Euthanasie” der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie und der Gesellschaft für Psychotraumatlogie, Traumatherapie und Gewaltforschung.

Trauma und Gewalt Themenheft

Trauma und Gewalt Themenheft

Die Autoren und Autorinnen widmen sich verschiedenen Aspekten einer Region, die besonders früh und in besonders intensivem Ausmaß vom NS-Krankenmord betroffen war. Wie Jan Armbruster und Harald J. Freyberger in ihrem einleitenden Artikel darlegen, ist dies wesentlich auf den Gauleiter Franz Schwede-Coburg zurückzuführen, der sich bei seinem Mentor Himmler gut stellen wollte, in dem er Anstalten räumen ließ und die Gebäude dann der SS zur Verfügung stellte. Für die Patienten und Patientinnen bedeutete das die Deportation in das soeben besetzte Polen und ihre Ermordung in Massenexekutionen. Kathleen Haack, Frank Häßler und Ekkehardt Kumbier füllen in zwei Aufsätzen zur “Euthanasie” und “Kindereuthanasie” in Mecklenburg eine große Forschungslücke. Rainer Stommer beschreibt die Führerschule der deutschen Ärzteschaft in Alt-Rehse als zentralen Ort der weltanschaulichen Schulung von Ärzten, Hebammen und Apothekern und aktuelle Bemühungen, dort einen Gedenkort einzurichten. Abschliessend stellt Robert Parzer neue Forschungen zur Organisationszentrale des NS-Krankenmordes an der Berliner Tiergartenstraße 4 vor.

 

Das Heft kostet 24 € und ist unter volltext.traumaundgewalt.de erhältlich. Dort können auch einzelne Artikel für 8 € erworben werden.

 

Fahrrad-Stadtspazierfahrt “Medizin ohne Menschlichkeit” 22.11.2014, Berlin

Der geschätzte Kollege Stefan Zollhauser wird am Samstag, den 22.11.2014 eine Fahrrad-Stadtspazierfahrt “Medizin ohne Menschlichkeit” anbieten. Die Stadtspazierfahrt beginnt um 11.00 an der Ecke Lehrter Straße/Invalidenstraße (vor Motel One) und endet ca. 2 Stunden später in der Nähe des Potsdamer Platzes. Bitte Fahrräder mitbringen.

Mitmachbeitrag 5-11€ je nach Finanzkraft und Laune.

 

Hier sein Ankündigungstext:


Woher kam die Idee des angeblich “lebensunwerten Lebens”? Welche Rolle spielte die Charité? Wie legitimierten die Täter ihre Morde? Und wer widersetzte sich der Aufforderung zur Tötung?
Das 20. Jahrhundert kennt zahlreiche Debatten über den Umgang mit Krankheit, Behinderung, Schwäche und Demenz. Die Nationalsozialisten radikalisierten diese Ideen und zwangssterilisierten und ermordeten zehntausende Berliner_innen.
Unsere Stadtspazierfahrt thematisiert die Diskussionen seit dem späten 19. Jahrhundert und führt uns zu Orten der nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungspolitik. Aber auch die zahlreichen Entschädigungsdebatten, die Nachkriegskarrieren der Täter_innen sowie aktuelle Fragen der Bioethik werden uns beschäftigen.

 

 

Links I 15

Hier wieder einmal Hinweise auf neuere Artikel in den Medien zum Themenfeld NS-”Euthanasie”. Ergänzungen gerne in den Kommentaren!

 

“Euthanasie”, ein guter Tod? Ein Essay von Ilja Seifert

 

Denkmal der Grauen Busse im Zentrum für Psychiatrie Reichenau

 

Dossier der Zeitung neues deutschland zur Sterbehilfedebatte

 

Erinnerung an NS-”Euthanasie” in Stralsund

 

Forschung zu Opfern der NS-Krankenmorde in Kärnten gestartet

 

Gedenkort auf dem Friedhof der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin?

 

 

 

 

Berliner Stadtführung: Organisation des Krankenmordes

In Berlin wurde ab 1939 der Mord an Kranken und Behinderten organisiert. Ein Team von drei Historikern führt ab sofort zu Orten der Planung der NS-“Euthanasie“-Verbrechen: Die Tiergartenstraße, den Potsdamer Platz, die Neue Reichskanzlei und die Wilhelmstraße werden als Tatorte und Orte der Täter erkundet.

 

Dabei greifen sie auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz aus Literaturstudien und eigenen Recherchen zurück. So konnte die Wilhelmstraße 43 als der Ort identifiziert werden, an dem die Krankenmorde abgerechnet wurden. Er liegt genau gegenüber dem Bundesfinanzministerium, das bis heute Entschädigungszahlungen verweigert und hinauszögert.

 

Stadtplan Berlin 1936

 

 

Wenn Sie diese Zusammenhänge ebenfalls spannend finden, würden wir uns freuen, Sie an einem der folgenden Samstagstermine begrüßen zu dürfen. Die Führungen dauern etwa 90 Minuten. Wir freuen uns auf eine Anerkennung nach Ihrer eigenen Einschätzung. Treffpunkt ist beim Gedenk- und informationsort (blaue Wand) hinter der Philharmonie um 11.00.

 

18.10.2014

1.11.2014

22.11.2014 (Fahrradtour)

6.12.2014

 

Weitere Termine sind in Planung.

 

Fragen/Kommentare?: stadtfuehrungen@gedenkort-t4.eu

 

Vortrag 6.10, 18.00 Berlin: Die nationalsozialistischen Krankenmorde im besetzten Polen

Einladung zum Vortrag im Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften

 

Vortragsreihe

 

Der Zweite Weltkrieg. Ereignisse und Erinnerungen
im Rahmen des Klaus Zernack Colloquiums am Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften

 

Prof. Dr. Michael G. Müller und Prof. Dr. Robert Traba laden in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Gertrud Pickhan ein zum Vortrag von
Robert Parzer (Berlin)
Die nationalsozialistischen Krankenmorde im besetzten Polen.
Ein Forschungs- und digitales Publikationsprojekt
Kommentar: Dr. Kamila Uzarczyk (Wrocław)
6. Oktober 2014, 18:00 Uhr
Zentrum für Historische Forschung Berlin
der Polnischen Akademie der Wissenschaften
Majakowskiring 47 13156 Berlin-Pankow
Die Ermordung psychisch Kranker und geistig Behinderter in Polen durch die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges wird heutzutage öffentlich kaum beachtet. Die deutsche Geschichtswissenschaft setzte sich mit dem Thema der NS-Krankenmorde erst seit den
1980er Jahren auseinander, obwohl die Quellenlage durchaus gut war, da die meisten Patientenakten in den Kellern der Anstalten gelagert waren. In Deutschland gibt es gegenwärtig zwar viele Projekte zum Thema der NS-Euthanasie, doch selten werden sie in Zusammenarbeit mit polnischen Historikern durchgeführt. Das gemeinsam von Robert Parzer und Posener Wissenschaftlern durchgeführte Forschungs- und digitale Publikationsprojekt beinhaltet die Veröffentlichung der Namen von polnischen Opfern auf einer Onlineplattform. Darüber hinaus analysieren sie auf der Grundlage juristischer Akten aus polnischen Archiven die Motive und ideologischen wie strukturellen Konzepte der Täter.
Ferner soll untersucht werden, welchen Stellenwert die nationalsozialistischen Krankenmorde im besetzten Polen in den Erinnerungskulturen Deutschlands und Polens haben.
Robert Parzer ist Historiker und Slawist. Er konzeptualisierte und betreute das Informationsportal zur NS-Euthanasie (www.gedenkort-t4.eu). Zur Zeit arbeitet er als freier Mitarbeiter für die Geschichtskommission des Bundeswirtschaftsministeriums sowie an einem Forschungs- und digitalen Publikationsprojekt zu den nationalsozialistischen Krankenmorden in Polen. Darüber hinaus promoviert er zum Thema „Täter des Krankenmordes im besetzten Polen“.

Denkmal der Grauen Busse in Polen

 

Das Denkmal der Grauen Busse  steht ab heute in Poznań vor dem Städtischen Kulturzentrum Zamek. Damit befindet sich die mobile Erinnerungsskulptur der Künstler und Architekten Horst Hoheisel und Andreas Knitz  zum ersten Mal außerhalb Deutschlands. Der mehrere Tonnen schwere originalgetreue, jedoch in der Mitte geteilte Abguss erinnert daran, dass mit Bussen der Reichspost behinderte und psychische kranke Menschen zu den Tötungsanstalten transportiert wurden.

Aussage Richard von Hegeners, der die Busse organiserte. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv

Aussage Richard von Hegeners, der die Busse für die Aktion T4 organisierte. Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv

Der Zeitpunkt und der Ort der Aufstellung sind nicht zufällig: Im Oktober 1939 begannen die ersten Vergasungen von Menschen im Dritten Reich im Posener Fort VII, einer ehemaligen preußischen Wehranlage. Es waren Patienten der psychiatrischen Anstalt in Owińsk, die mit Kohlenmonoxid erstickt wurden. Die Verantwortlichen für den Krankenmord sassen im Posener Kaiserschloss (dem heutigen Kulturzentrum) das später von Mitarbeitern Albert Speers zu einer Residenz für Adolf Hitler umgebaut wurde.

Liste von Tätern, die Owinsker Patienten ermordeten. Erstellt im Rahmen einer Untersuchung in den 1950er Jahren.  Quelle: IPN

Liste von Tätern, die Owinsker Patienten ermordeten. Erstellt im Rahmen einer polnischen Untersuchung in den 1950er Jahren. Quelle: IPN

Das Denkmal wird noch bis zum 12.10.2014 in Poznan zu sehen sein. Es wird begleitet von einer Ausstellung der Künstler, in der auch ihr neuestes Werk zu sehen ist: Sie haben die Startblöcke der während der deutschen Besatzung zu einer Schwimmhalle umgebauten Synagoge dort ausgebaut und in das Arbeitszimmer Hitlers gestellt.

 

Das Denkmal in Poznan

Das Denkmal in Poznan

Dass das Denkmal dort steht, ist übrigens zum großen Teil Artur Hojan zu verdanken.

 

Die Bedeutung der blauen Wand

Das charakteristische Merkmal des neuen Gedenk- und Informationsortes an der Berliner Tiergartenstraße ist eine lange blaue Glaswand. Was sie zu bedeuten hat und wie die Gestalter des Denkmals auf die Idee kamen, erklärt die Architektin Ursula Wilms hier im Interview.

 

Die blaue Glaswand im Aufbau. August 2014

Die blaue Glaswand im Aufbau. August 2014

 

 

 

Gutachten zur Namensnennung zum Download

Das Gutachten des Berliner Justiz- und Innensenators a.D. Dr. Erhardt Körting zur Frage der Namensnennung von NS-Euthanasie-Opfern steht hier zum Download bereit.

 

Dr. Erhardt Körting: Namensnennung von NS-Euthanasie-Opfern aus juristischer Sicht

 

Hintergrundinformationen zum Thema hier:

  • Tagungsbericht: Zur Frage der Namensnennung der Münchner Opfer der NS­„Euthanasie“ in einem Gedenkbuch