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Abschlusskolloquium zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Wann: 7. und 8. April 2016

Wo: Wissenschaftszentrum Bonn, Ahrstraße 45, 53175 Bonn

 

Die Tagung wird veranstaltet vom DFG-Projekt „Erinnern heißt Gedenken und informieren“ (Christof Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll, Hedwig Thelen, Jens Thiel) zusammen mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

 

Im Folgenden ein Auszug aus der Einladung und das Programm: (Hier und hier zum Download)

 

„Wir möchten das Erkenntnistransfer-Projekt mit einer kleinen Tagung abschließen und hierzu die interessierte Öffentlichkeit und all diejenigen einladen, die das Projekt in den Jahren 2012 bis 2016 begleitet und gefördert haben. In vier Gesprächsrunden soll einerseits über neue Forschungs-ergebnisse und -perspektiven zu den nationalsozialistischen Patientenmorden diskutiert und ihre europäische Dimension herausgearbeitet werden. Andererseits fragen wir nach der gesellschaft-lichen Dimension des Themas: Was bedeuteten die Patientenmorde für die betroffenen Familien? Und: Wie kann Barrierefreiheit in der Geschichtsvermittlung – als Zeichen der Teilhabe von Men-schen mit Behinderungen an ihrer Geschichte – in der Zukunft realisiert werden? Eine öffentliche Podiumsdiskussion am Abend widmet sich dem Lernen mit der Geschichte und ethischen Konse-quenzen, die aus der Geschichte der NS-„Euthanasie“ und der Eugenik gezogen werden können.“

 

Programm
Donnerstag 7. April 2016

Begrüßung/Grußworte, 13.00h
– Wissenschaftszentrum
– DFG
– Dr. Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors

 
Rundgang durch die Ausstellung, 13.15h

 
Einführender Vortrag (20 Minuten mit anschließender Diskussion), 13.45h – 14.30h
Das Erkenntnistransfer-Projekt „Erinnern heißt gedenken und informieren“ – Wo stehen wir in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und in der historischen Forschung zu den nationalsozialisti-schen „Euthanasie“-Verbrechen?
Gerrit Hohendorf (München) und Maike Rotzoll (Heidelberg)

 
Pause: 14.30h – 14.45h

 
Gesprächsrunde 1 Nationalsozialistische „Euthanasie“ – Neue Erkenntnisse und Forschungs-perspektiven, 14.45h – 16.15h
Moderation: Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld)
– Die Organisationszentrale der Krankenmorde in der Berliner Tiergartenstraße 4: Annette Hinz-Wessels (Berlin)
– Dezentrale „Euthanasie“, Stand der Diskussion: Uwe Kaminsky (Bochum)
– Die Reaktion auf die Krankenmorde in England und USA: Thorsten Noack (Düsseldorf)
– Nach dem Krankenmord: Maike Rotzoll (Heidelberg)

 
Pause: 16.15h – 16.45h

 

 
Gesprächsrunde 2 Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, 16.45h – 18.15h
Moderation: Jens Thiel (Münster/Berlin)
– Familiengedächtnis: Sabine Moller (Berlin)
– Angehörige von „Euthanasie“-Opfern: Helmut Bader (Schwäbisch Gmünd)

– Angehörige von Tätern: Isabella Kaltenegger (angefragt)

– Namensnennung der „Euthanasie“-Opfer: Michael von Cranach (München)

 
Abendessen 18.15h – 19.30h

 

 
Abendveranstaltung 7. April 2016, 19.30h – ca. 21.00h

 
Lernen mit der Geschichte – Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich aus der historischen Erfahrung der nationalsozialistischen Eugenik und der „Euthanasie“-Verbrechen?
Gesprächspartner:
Johann S. Ach (Münster)
Michael Wunder ( Hamburg)
Moderation: Norbert Jachertz (Köln)

 
Freitag, 8. April 2016

 
Gesprächsrunde 3 Barrierefreiheit in der Geschichtsvermittlung, 9.00h – 10.30h

 
Moderation: Hedwig Thelen (Bremen)
Referenten und Referentinnen:
– Barrierefreie Geschichtsvermittlung und Disability History: Petra Fuchs (Berlin)
– Leichte Sprache in der Gedenkstättenarbeit: Uta George (Bad Homburg)
– Netzwerk People First Deutschland: Anette Bourdon (Kassel)
– Geschichtsvermittlung und barrierefreie Gedenkstätte: Sebastian Priwitzer (Grafeneck)

 
Pause: 10.30h – 11.00h

 

Gesprächsrunde 4 Patientenmorde in Europa, Vernichtungskrieg und Holocaust, 11.00h – 12.30h
Moderation: Christof Beyer (Berlin)
– Patientenmorde in Polen: Ingo Loose (Berlin)
– Patientenmorde in der Sowjetunion: Martin Holler (Berlin)
– Frankreich: Chantal Marazia (Paris)
– Niederlande: Cecile aan de Stegge (Bunnik, NL)

 
Abschlussdiskussion, 12.30h – 13.00h

 
Mittagsimbiss und Ausklang, 13.00h

 

 

Justiz-, medizin- und lokalhistorische Hintergründe zum Auschwitz-Prozess in Neubrandenburg. Veranstaltung am 28.2.2016 in Neubrandenburg

Ein Prozess 71 Jahre danach
Medizin, Justiz und Auschwitz
Justiz-, medizin- und lokalhistorische Hintergründe zum Auschwitz-Prozess in Neubrandenburg

 

Am 29.2.2016 wird in Neubrandenburg der Prozess gegen einen Mann beginnen, der im KZ Auschwitz als Sanitäter im Dienste der SS arbeitete. Schon im Vorfeld gibt es viele Diskussionen über den Sinn eines solchen Verfahrens. Wenig bekannt sind aber die historischen Fakten. Die Erinnerungs-, Bildungs – und Begegnungsstätte Alt Rehse (EBB) bietet deshalb in Kooperation mit dem Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern der Friedrich-Ebert-Stiftung ein zweistündiges Seminar mit historischen Hintergründen zum Prozess an. Drei Referentinnen und Referenten werden zum Sanitätsdienst der SS, zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Justiz und zur NS-„Führerschule der Deutschen Ärzteschaft Alt Rehse“ sprechen.

 

Der Beschuldigte Hubert Zafke. Foto von 1948

Der Beschuldigte Hubert Zafke. Foto von 1948

Die Veranstaltung wendet sich besonders an die Prozessbeobachterinnen und -beobachter der Presse sowie die interessierte Öffentlichkeit. Sie findet im Medienhaus des Nordkurier, Friedrich-Engels-Ring 29, 17033 Neubrandenburg am 28.2.2016 von 15.00 – 17.00 Uhr statt. Dr. Frank Wilhelm, Mitglied der Chefredaktion des Nordkuriers, wird moderieren. Da die Plätze begrenzt sind, wird eine Anmeldung unter schwerin@fes.de erbeten.
Die Veranstalterinnen behalten sich vor, vom Hausrecht Gebrauch zu machen.
Programm:
Dr. Anja K. Peters (Neubrandenburg): Medizin im Dienste des Nationalsozialismus – die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse
Dr. Judith Hahn (Berlin): Der Sanitätsdienst der SS
Dr. Stephan Glienke (Schleswig): Die Blockierung der Ahndung von NS-Verbrechen
Fragen und Diskussion, Moderation: Dr. Frank Wilhelm (Neubrandenburg)
Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zu Verfügung:
Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Arsenalstraße 8 (Haus der Kultur) 19053 Schwerin
EBB Alt Rehse, Am Gutshof 1 17217 Alt Rehse Telefon: 0176-72705631 E-Mail: info[at]ebb-alt-rehse.de

 

Flyer zum Downoad

Eröffnung der Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“

Die Eröffnung der Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ findet am 16. Februar 2016 statt.  Die Veranstaltung beginnt um 18:00 im Wissenschaftszentrum in Bonn (Stadtbahnstation Hochkreuz/Kennedyallee). Flyer

 

Die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ nimmt die Inhalte des Gedenk- und Informationsortes in Berlin auf, erweitert um die europäische Dimension des Gedenkens an die Opfer der „Euthanasie“-Morde. Die Ausstellung ist barrierearm gestaltet. Alle Texte sind in deutscher und Leichter Sprache verfügbar. Es handelt sich um insgesamt 21 Roll-ups, die auf einer Stellfläche von 6m x 12m oder 18 x 3 m variabel gestellt werden. Zwei Medienstationen mit Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen des Sehens und Hörens sowie vertiefenden Informationen können optional ausgeliehen werden. Ein detailliertes Ausstellungsexposé kann bei der Stiftung Topographie des Terrors (Peter Eckel, Dirk  Dotzer / eckel@topographie.de; dotzer@topographie.de / tel. 030/25 45 09-0) angefordert werden. Der Verleih erfolgt ebenfalls über die Stiftung Topographie des Terrors.

 

Die Kataloge zur Ausstellung in Leichter, deutscher und englischer Sprache können bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (presse@stiftung-denkmal.de) für € 5 bzw. € 10 bestellt werden. Eine Website mit vertiefenden Informationen steht unter www.t4-denkmal.de zur Verfügung.

 

Am 7. und 8. April 2016 wird ebenfalls das Abschlußkolloquiumzum  Erkenntnistransfer-Projekt ,ebenfalls im Wissenschaftszentrum in Bonn, stattfinden.  Dabei soll es um die Perspektiven der Forschung und der Vermittlung von Wissen zu den nationalsozialistischen Patientenmorden gehen. Programm und Einladung folgen. Rückfragen und Anmeldung bitte an: gerrit.hohendorf@tum.de bzw. adina.von-malm@tum.de, tel. 089/4140-4041.

 

„Was für ein schreckenerregendes Wort“ Theater und Erinnerung

Hier der zweite Teil unserer Reihe dazu, wie das Theater dazu beitragen kann, die Erinnerung an NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wach zu halten. Nachdem Michael Stacheder im vorigen Beitrag zu Wort kam, berichtet nun Gisela Höhne vom Theater Ramba Zamba über ihre Arbeit zum Thema. Mehr dazu auf der Website unseres Theaterwettbewerbes andersartig gedenken on stage.

 

EUTHANASIE. Was für ein schreckenerregendes Wort, wenn man ein Kind mit Down Syndrom hat und die Bücher von Klee und Götz Aly gelesen hat.
Ein Wort, das mich verpflichtet, hochgradig sensibilisiert und mich nichts entschuldigen läßt, auch wenn Götz Aly zu gewissem den Umständen geschuldeten Verständnis mahnt.

 

In der Theaterarbeit von RambaZamba gab es dreimal Erfahrungen mit dem Thema. Das erste Mal bereiteten wir 1994 eine Matinee im Deutschen Theater Berlin vor, in der Giora Feidmann zusammen mit Künstlern von Sonnenuhr, so hieß damals der Verein, auf der Bühne musizierte und bekannte Schauspieler des Deutschen Theaters Texte von Augenzeugen lasen. Schon in den Vorbereitungsworkshops verließen uns Teilnehmer, weil allein das Wort Euthanasie sie tief erschreckte. So berichteten es uns die Betreuer, die über die Reaktionen tief beunruhigt waren. Diese Menschen waren zu jung, um es erlebt zu haben, aber doch alt genug, um die Stigmatisierung in beiden deutschen Staaten erlebt zu haben, aber auch den Nicht-Umgang mit diesem Verbrechen spürten, das insgeheim immer noch viele Deutsche in Ordnung fanden. Menschen mit geistiger Behinderung haben einen ungeheuer starken Draht zu allem, was verschwiegen wird. Giora Feidmann hatte sehr spät verstanden, daß es darum geht und war entsetzt. Er wollte keine Aufarbeitung, sondern diese Menschen glücklich machen. In der Matinee lief es dann so, daß die Teilnehmer mit einer Behinderung die Bühne verließen, wenn die Texte gelesen wurden.

 

 

Das nächste Mal beschäftigten wir uns in der Vorbereitung zu dem Stück „Mongopolis“ mit der Auslese unperfekter Lebewesen zugunsten perfekter. Ein Sciencefiction-Krimi-Comic nannten wir ihn. Frech, witzig, unsentimental. Es spielte in der Zukunft, alles „ungefährlich“. Aber dann gab es die Probe, in der Adam die letzten drei Perfekten auswählen sollte und damit auch die bestimmen, die „aussortiert“ werden. Der Adam-Darsteller wählte versehentlich vier aus. Der Teufel-Darsteller schrie: „Drei und nicht vier!“ Schon bevor der Darsteller erneut gewählt hatte, brach einer der vier zusammen und weinte, und plötzlich war allen klar, worum es ging. Nicht nur er weinte, alle, und wir konnten lange nicht proben und haben viel Zeit für die Stabilisierung der Spieler gebraucht. Die Lösung, die wir dann stets spielten, war für alle keine Belastung mehr, denn das Publikum wird aufgefordert, die drei auszuwählen, die , angesichts knapper Wasserresourcen, geboren werden sollen. Die Kamera fährt die Gesichter ab und projeziert sie groß. Die Spieler spüren, daß sie die Aufgabe los sind und fühlen sich, eingebettet in das Stück, sicher. Das Erschrecken liegt beim Publikum, das bis dahin viel gelacht hatte. Nur Publikumsgespräche gehen gar nicht mit ihnen. Hier brachen sie jedes Mal in heftiges Weinen aus. Darum gibt es das nicht mehr. Es zeigt, wie dünn die Haut ist und wie genau sie um ihre fragile Existenz wissen.

 

 

Das dritte Erlebnis hing mit der Buchvorstellung von Götz Alys Buch „Die Belasteten“ im Jahr 2013 in der Berliner Charite zusammen. Er hatte uns gebeten, ein Programm mit ihm zusammen zu erarbeiten. Die Gruppe war zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfahren und konnte gut reflektieren. Wir ließen zwei Darsteller, die im Rollstuhl sitzen und keine geistige Beeinträchtigung haben, einige Kapitel aus dem Buch lesen, die Aly zusätzlich erklärte. Andere Schauspieler sangen Lieder aus der „Winterreise“, die wir seit einigen Jahren als szenisches Musikstück spielen und Gedichte von Else Lasker-Schüler und Inge Müller sprechen. Di, die sie aus „Orpheus ohne Echo“ kannten. Es wurde ein tief bewegender Abend von großer künstlerischer Qualität und starker Wirkung. Die Schauspieler waren geschützt durch die künstlerische Form ihrer Beiträge, die Künstler im Rollstuhl Nur eine Schauspielerin kam erst in der Aufführung mit den Buchtexten in Kontakt. Sie begann immer mehr zu weinen und wurde sanft hinausgeführt. Noch eine ganze Weile hallte in den gekachelten Fluren ihr lautes Weinen und begleitete das Programm. Sie kam wieder und sang gefaßt ihr Lied. Was für eine Kraft!

 

 

31.3.2016: Fachtag „Euthanasie im Nationalsozialismus. Inklusive Erinnerung und Bildung heute“

Für behinderte und psychisch kranke Menschen und ihre Unterstützer stellt sich ganz besonders die Frage, wie man mit dem Thema NS-„Euthanasie“ umgehen kann und soll.

 

Der vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und der pinel gGmbh veranstaltete Fachtag gibt einen Einblick in den Stand zu Forschung und Bildungsaktivitäten zum Thema NS-„Euthanasie“ in Brandenburg und Berlin. Die Referierenden kommen aus der Forschung und der
Bildungsarbeit; sie arbeiten die Geschichte ihrer Angehörigen auf und kämpfen für Anerkennung und Entschädigung der Opfer. Sie stellen vor,
wie inklusives Gedenken aussehen kann.

 

Die Veranstaltung ist kostenlos und wird simultan in Gebärdensprache gedolmetscht. Der Veranstaltungsort, die Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund in den Ministergärten 3, 10117 Berlin, ist barrierefrei zugänglich. Für Kaffee und Snacks ist gesorgt. Die Veranstaltung beginnt um 10.00 und endet um 16.00.

 

Bitte melden Sie sich bis zum 29. Februar 2016 unter: Natalia.Reifegerste@pinel.de an.

 

Den Flyer mit dem Programm finden Sie hier zum Download

 

Landkarte des Gedenkens an die „NS-Euthanasie“ am 27.1.2016

Der 27.1. ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde im Januar 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gelegt. Wir haben eine Karte erstellt, auf der alle Veranstaltungen, die an Opfer der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen erinnern, eingetragen sind.

 

Ergänzungen und Berichtigungen gerne an robert.parzer@gedenkort-t4.eu.

 

„Zeigt das Leben!“ – Theater und Erinnerung

Wir starten eine kleine Reihe dazu, wie das Theater dazu beitragen kann, die Erinnerung an NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen wach zu halten. Den Anfang macht Michael Stacheder mit seinem Plädoyer, das Leben zu zeigen, nicht das Töten und Sterben. Demnächst kommen zwei weitere Texte, die im Zusammenhang mit dem Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage entstanden sind. Dieser wird von der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft gefördert.

 

 Zeigt das Leben!

Wie das Theater die zukünftige Erinnerungsarbeit bereichert.
von Michael Stacheder, Junges Ensemble Schauspiel München

 

Ich bin kein großer Fan von hohen Stelen oder monströsen, geometrischen Denkmälern, die eher aufgrund ihrer modernen Architekturkunst für Aufsehen sorgen, als dass sie zum Weiterdenken und zum Weitertragen der Geschichte anregen. Ein bloßes Denkmal, in den meisten Fällen nur durch eine mit den nötigsten historischen Daten und Fakten bestückter Gedenktafel ergänzt, ist starr, unbeweglich, kalt. Das Denkmal mahnt, es setzt nur schwer etwas in Bewegung. Es kommt nichts in Gang. Es bleibt stehen, verharrt in ihrer beeindruckenden Architektur aus Beton, Glas oder Stein. Für mich hat “Erinnern” sehr viel mit Bewegung und Austausch zu tun. Der Prozess eines heutigen “Erinnerns für die Zukunft” muss lebendig und emotional gestaltet werden.

 

Um so mehr überzeugt und freut mich der Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage für Schul- und Amateurtheatergruppen, denn er macht das Erinnern emotional greifbar. Ein wichtiges Projekt, welches neue Wege in der Erinnerungsarbeit für die Zukunft auslotet und beschreitet.
Für mich ist das “Erinnern” an die nationalsozialistische Diktatur und die damit verbundenen Gräueltaten und Massenmorde mehr als ein “mahnen”, sondern viel mehr ein “weitergeben”, ein “weitertragen” und ein weiterdenken” bis in die Gegenwart hinein. Mahnen hat für mich immer sehr viel mit “schlechtem Gewissen” zu tun und ein “schlechtes Gewissen” muss die junge Generation, der ich mit meinen 35 Jahren ebenfalls noch angehöre, nicht mehr haben. “Schlechtes Gewissen” lähmt den kritischen Umgang mit der Geschichte. “Schlechtes Gewissen” lähmt auch den kreativen Umgang mit dem Erinnern, den wir in den nächsten Jahrzehnten so dringend benötigen. Wir können nichts für die Taten der letzten Generationen. Aber wir haben die Verantwortung, dass die Taten und die Opfer die sie forderten, nie in Vergessenheit geraten.

 

Während ich an diesem Text arbeite, entdecke ich das Buch von Philip Meinhold, welches in diesem Jahr erschienen ist. Philip Meinhold erzählt in seinem Buch von der Auseinandersetzung dreier Generationen einer deutschen Familie mit der Shoah und der eigenen Vergangenheit. Er gibt seinem Buch ganz treffend den Titel: “Erben der Erinnerung”.

 

“Wir, die Zeitzeugen, sind nicht nur Zeugen der Zeit, sondern auch Zeugen auf Zeit. Unsere Pflicht ist es, weiterzugeben, was gewesen ist.”
(Max Mannheimer)

 

Ja, wir sind die Erben der Erinnerungen einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die sich bis in die späten 1980er Jahre schwer tat, mit dem Erlebten umzugehen, darüber zu sprechen, sich mitzuteilen. Aber weniger sind wir Nachlassverwalter, als lebendige Übermittler der Erinnerung. Ich meine damit nicht die historischen Fakten zu verändern, zu beschönigen oder gar wegzulassen, nur um sie erträglicher zu machen. Nein. Wir müssen die Erinnerungen, die uns Zeitzeugen wie Max Mannheimer, Ruth Klüger oder Esther Bejarano in den letzten Jahrzehnten hinterlassen, annehmen, bewahren und ohne sie zu verfälschen weitererzählen. Das Gut der Erinnerung wird von Generation zu Generation weitergegeben. “Letztlich versagt unser Sprachvermögen, wenn wir über das “Unsägliche” wie Theodor Adorno es nennt, sprechen wollen.”, so Max Mannheimer in seiner Rede anlässlich des Gedenktages “Jom Haschoa” an die Opfer des Holocaust 1999.

 

“Jede Generation muss für sich das Erinnern neu formulieren”.

 

Die Zeit der Zeitzeugen wird in wenigen Jahren zu Ende gehen. Die Stimmen der Zeitzeugen werden verstummen. Was machen wir mit den vielen offenen Fragen der Generationen nach uns? Können wir sie überhaupt guten Gewissens beantworten? In den letzten Jahren hat man versucht, die Stimmen der Zeitzeugen der Shoah, der NS-Greultaten wie der sogenannten NS-”Euthanasie” oder der Verfolgung von Homosexuellen und Sinti und Roma zu archivieren. In unserer fortgeschrittenen, digitalisierten Welt kein großes Unterfangen. Doch reicht das? Kommt uns mit dem Ende der Zeitzeugen nicht etwas ganz Entscheidendes abhanden? Was zeichneten die direkten Lebenserzählungen der Zeitzeugen so besonders?
Es war diese unmittelbar spürbare Emotionalität, die von dem Gegenüber ausging, die uns zutiefst beeindruckte und zugleich verstörte. Diese Emotion wird in digitaler Form nur bedingt und begrenzt übertragbar sein.

 

“Theater ist emotionales Erinnern.”

 

Das Theater wird nach der “Zeit der Zeitzeugen” einen festen Platz innerhalb der Erinnerungskultur einnehmen und diesen festigen. Das deutschsprachige Theater versuchte in den Nachkriegsjahren bis heute immer wieder aufs Neue, die unfassbaren Geschehnisse der nationalsozialistischen Diktatur für die Gegenwart zu thematisieren und aufzuarbeiten, sowie Stücke über den Widerstand auf die Bühne zu bringen.
Aber kann man z.B. einen Schreckensort wie das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau realistisch auf die Bühne bringen? Nein, man kann es nicht. Das “Unsägliche” würde zu unsäglichem “Holocaust”-Kitsch verblassen. Das “Unaussprechliche” würde mit aller Gewalt zurückschlagen. Man muss es auch nicht. Die Bilder, die wir alle aus den unzähligen Dokumentationen und Gedenkausstellungen kennen, sind in uns präsent genug, um Assoziationen herzustellen. Viel mehr geht es darum, das Publikum, den Zuschauer und Zuhörer, emotional zu berühren. Assoziationsflächen für die Phantasie des Publikums zu schaffen, um Geschichte erlebbar werden zu lassen.
Der Großteil meiner bisherigen Regiearbeiten hat das Erinnern an diese dunkle Zeit des 20. Jahrhunderts bestimmt und maßgeblich beeinflusst. Was vor elf Jahren mit der Uraufführung eines Schauspiels über die Münchner Widerstandsgruppe “Die Weiße Rose” seinen Anfang nahm, setzte sich mit der Beschäftigung des Schicksals von “Mala und Edek” fort und nahm 2014 die Fortsetzung mit der “Judenbank”, einem Volksstück, indem der Protagonist am Ende Opfer der sogenannten T4-Aktion der Nationalsozialisten wird: Theater als emotionales Erinnern.

 

Zeigt das Leben!

 

Als ich gefragt wurde, was würden sie den Teilnehmern des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage mit auf dem Weg geben, antworte ich spontan: Sie sollen das Leben zeigen! Ja, zeigt das Leben! Zeigt nicht das Sterben, das Töten. Das Ende ist uninteressant. Erzählt die Lebensbiografien nicht vom Ende ausgehend, sondern erzählt vom Leben.
Jedes einzelne Leben der ca. 300.000 Opfer der NS-”Euthanasie” ist es wert auf die Bühne gebracht zu werden.

 

Es geht nicht darum, irgendein voyeuristisches Gefühl der Zuschauer zu befriedigen. Das Töten und Sterben liest sich in den Protokollen zu den T4-Aktionen, den Akten und Briefen immer gleich. Das behördliche Töten der Nationalsozialisten war ein unmenschlicher, lapidarer Vorgang, der im stillen, ohne viel Aufsehens zu erzeugen, vollzogen wurde.

 

Die Stücke, die aus den zur Verfügung gestellten Lebensbiografien entstehen werden, müssen das Leben zeigen. Das Theater ist ein wunderbares Mittel, welches Brücken zwischen den Welten baut, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fremden und eigenen Lebensgeschichten. Den Schauspielern meiner Weißen Rose-Inszenierung habe ich jeden Tag während den Proben folgendes zugerufen: “Zeigt nicht das Fallbeil! Hinterfragt die Protagonisten! Geht kritisch mit ihnen um! Zeigt sie als Menschen, mit ihren Fehlern und Abgründen. Zeigt sie mit ihrem Idealismus und ihrer Naivität! Zeigt sie mit ihrem starken Willen, etwas zu verändern. Lasst sie kämpfen, mit sich und der Welt. Lasst das Fallbeil nicht das ganze Stück über allem schweben. Zeigt das Leben, das bewegt mich als Zuschauer mehr als alles andere.”

 

Das Theater darf und muss von Menschen erzählen, von ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen und Wünschen, ihren Ängsten und Träumen, ihrer Wut und Ohnmacht, ihrer Verzweiflung. So wird für die Zuschauer greifbar, dass es Menschen wie “Du und ich” waren. (Dies gilt ebenso für mögliche Täter-Figuren!) Es gilt, die Lebensdaten und Fakten mit Leben zu füllen. Vieles wird man aus den vorliegenden Archivmaterial bestimmen und nachvollziehen können, einiges wird im Unklaren bleiben. Die biografischen “Leerstellen” können aber auch behutsam mit Hilfe der Rollen- und Biografiearbeit ergänzt werden. Das erfordert eine hohe Sensibilität und Empathie. Aber nur Mut, im Laufe der Beschäftigung mit den einzelnen Lebensbiografien werden die “Protagonisten” zu sprechen beginnen:

 

Durch diese fiktive Ergänzungen gibt man ihnen vielleicht sogar ein wenig Würde und Leben zurück, um das man sie durch das mörderische Verbrechen beraubt hat.

 

Es gibt viele Methoden der Rollen- und Biografiearbeit. Wichtig ist bei historischen Stückentwicklungen, dass man die vorhandenen Quellen genauestens prüft, historisch belegbare Fakten berücksichtigt und diese korrekt wiedergibt, sowie in die Charakterisierung der Figuren einarbeitet. Biografische Eckdaten und charakteristische Eigenschaften ergeben eine Persönlichkeit.

 

Damit die Findung der jeweiligen Figur für die Darstellenden eine spannende und bereichernde Entdeckungsreise wird, sollte man eines nicht aus dem Auge verlieren: alles ist ein (Theater) Spiel! Wir bauen Empathie zu den Protagonisten der Opferbiografien auf, verlieren uns aber nicht in unseren Emotionen und Gefühlen. Darauf sollte und muss geachtet werden. So sollte trotz aller Ernsthaftigkeit vor allem bei den Proben der Humor nicht zu kurz kommen und nach schwierigen, oftmals sehr emotionalen Szenen hilft z.B. ein Nach-Gespräch bei einem gemeinsamen Ensemble-Essen. Der Austausch hilft dem Einzelnen besser mit den “Erfahrungen des Erinnerns” umzugehen und gleichzeitig entwickelt das Ensemble ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.

 

Die Entwicklung der Rollenbiografie kann man nicht kreativ genug angehen. Neben den historischen belegbaren Fakten ist es die eigene Phantasie und das Einfühlungsvermögen des Einzelnen, welche die Figur auf der Bühne zu neuem Leben erwachen lässt. Der Autor des Stücks, die Schauspieler und der Regiesseur geben den Opfern ihre Stimme.

 

Wie ich schon erwähnte, gibt es viele Methoden die Rollenbiografien zu entwickeln. Jeder Schauspieler, Regisseur entwickelt im Laufe seines Berufslebens seine ganz eigene, persönliche Methode, um die Figuren lebensnah auf die Bühne zu bringen. Es sind die einfachen Dinge, die eine Rolle lebendig werden lässt. Wie hat die Rolle/der Mensch gelebt? Wie hat er neben seiner Arbeit sein Leben gestaltet? Was hat er gerne unternommen? Hat er gerne gelesen? Falls ja, was hat er gelesen? Welche Musik hat er gerne gehört? Ging er gerne in Konzerte? Welches war sein Lieblingsessen und warum? Welche Geschichte verbindet er mit seinem Lieblingsgericht? Einfache Fragen, die uns eine ganze Welt eröffnen, denn aus den Fragen ergeben sich Antworten und daraus wieder neue Fragen. Am Ende werden wir gar nicht mehr aufhören können zu fragen.

 

Diese Findungsphase kann man auch ganz kreativ gestalten. So gibt es z.B. seit einigen Monaten in den Sozialen Medien eine Aktion, die immer am 12ten eines Monats stattfindet: #12von12.* Blogger dokumentieren fotografierend ihren ganz persönlichen 12ten Tag im Monat und posten im Laufe des Tages 12 Fotos mit kleinen Notizen, Anmerkungen, Geschichten auf Instagram, Twitter oder Facebook. Deshalb auch der Hashtag #12von12. Hier könnte man sich z.B. Anregungen für seine eigenen Biografien zusammensuchen oder wie wäre es, wenn man selber als “Rolle” einen Tag dokumentieren würde? Wie hätte ein Tag für die Rolle ausgesehen? Ein spannender, wie kreativer Versuch sich an eine Rollenbiografie anzunähern.

 

Auch gibt es die Möglichkeit, sich über Porträtaufnahmen oder Familienaufnahmen an das Leben der Protagonisten anzunähern. Wenn z.B. Bilddokumente vorliegen, welche die Protagonisten zusammen mit ihren Familien zeigen, empfiehlt es sich unter anderem die Körperhaltung der Protagonisten zu studieren, um sie so später ins Spiel auf der Bühne integrieren zu können. Die Bilder verraten daneben sehr viel aus dem Alltagsleben der Menschen. Daraus können sich viele Geschichten oder Szenen entwickeln, welche wiederrum die Stückentwicklung als Ganzes bereichern.

 

Ich wünsche den Teilnehmern des Theaterwettbewerbs andersartig gedenken on stage viele spannende, emotionale Momente des Erinnerns und ein großes Toi Toi Toi für ihre Arbeiten.

 

Geht auf Spurensuche!

 

Michael Stacheder
14. Dezember 2015

 

weiterführende Informationen:
draussennurkaenchen.blogspot.de

 

 

Ein Denkmal im Winter

„Gleichmacher“ nannte  Sarah Kirsch den Schnee und in der Tat verwischt er die Konturen selbst so markanter Stadträume wie des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde in Berlin. Die Stadtreinigung ist aufgehalten, und so ergreift die ganz Berlin erstickende und kurz nach Silvester besonders sichtbare Vermüllung auch diesen Ort. Dazu kommt noch die Grausamkeit der Natur, die einen Vogel gegen die das Denkmal konstituierende blaue Glaswand fliegen und das Genick brechen lässt. Auch die Touristen lassen ab von diesem Ort. Die Information zu dem Schrecklichen, das an diesem Ort geplant wurde, bleibt für ein, zwei Tage ungelesen unter einer dünnen Schneeschicht verborgen.

 

 

Alle Fotos CC0

 

Rückblick: Tagung des AK NS-„Euthanasie“ in Löbau/Großschweidnitz 5.6-7.6.2015

Wir freuen uns im Folgenden einen Rückblick auf die Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisationen in Löbau im Frühjahr 2015 aus der Feder von Udo Dittmann zu präsentieren.

 

  • Freitag, 5. Juni 2015 – Aula der Kreismusikschule, Löbau

 

Begrüßung:
Andreas Schönfelder, Gedenkstätte Großschweidnitz
Stefan Zinnow, Landeszentrale für politische Bildung, Sachsen
Dr. Jürgen Trogisch: Einführung in die Geschichte der NS-„Euthanasie“ und ihrer Aufarbeitung in der Region Oberlausitz
In der Oberlausitz gab es erst nach der Wende 1990 ein Gedenken an die NS-„Euthanasie“- Opfer, damals wurde auch bald ein Gedenkgottesdienst gefeiert.
Dieser Beitrag beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Katharinenhof in Großhennersdorf. Der Leiter war früher Dr. Meltzer, der durch sein Buch „Das Problem der Abkürzung ‚lebensunwerten‘ Lebens“ aus dem Jahr 1925 bekannt wurde. Es war eine Reaktion auf das Buch von Binding und Hoche „Über die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920) gewesen. (Meltzer hatte damals eine Umfrage an die Angehörigen von Pfleglingen des Katharinenhofes gemacht. Das für ihn überraschende Ergebnis war, dass fast 70 Prozent der Angehörigen mit einer „Euthanasie“ einverstanden gewesen waren. Anm.U.D.) Er selbst hatte eine ablehnende Haltung zur Euthanasie gehabt und sich durch die Umfrage eine Unterstützung erhofft. – Der Nachfolger von Meltzer war dann Dr. Daniel.
In der DDR tat man sich mit der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ schwer. Man war froh, wenn sich die innere Mission um die Behinderten kümmerte. Noch Ende der 70er Jahre gab es ca. 260 Kinder am Katharinenhof, die alle in Massenquartieren lagen, z.T. galt das auch für Mitarbeiter.
Zum einen bemühte sich Thom in der DDR um Aufarbeitung. Er war bei der Tagung des Arbeitskreises in Leipzig gewürdigt worden. Dann gab es aber auch noch Kurt Nowak, der ein Werk über „Euthanasie“ und Sterilisation im 3.Reich geschrieben hatte, die auf der Dissertation von 1969/ 70 aufbaute. Leider fand sich bisher niemand, der Nowak stärker gewürdigt hat.

 

Dr. Uwe Kaminski: Dezentrale Euthanasie – (Selbst)steuerung eines katastrophenpolitisch motivierten Mordes
Die 2. Phase der „Euthanasie“ wird oft auch als „dezentrale Euthanasie“ oder „wilde Euthanasie“ bezeichnet. Dazu gehört u.a. die „Aktion Brandt“, die zur Schaffung von Ausweichskrankenhäusern diente. Außerdem gab es die Ausbildung regionaler Tötungszentren (Hadamar, Meseritz-Obrawalde). Seit 1943 kommt eine zentrale Medikamentenvergabe hinzu. Tod durch Medikamente, Gift und Hunger (hier z.B. der bayerische Hungererlass vom Nov.1942) mit mehreren 10.000 Opfern. Das Hungersterben war auch verursacht durch die Verringerung der Kostsätze seit den 1930er Jahren. Insgesamt ist die genaue Opferzahl unbekannt.
Während es vorher bei der „Aktion T4“ noch Meldebögen gegeben hatte, war dies bei der dezentralen Aktion nicht der Fall. Der Stopp der „Aktion T4“ war nach Götz Aly und auch Ernst Klee eher ein strategischer Stopp. Es hatte viele Widerstände gegeben, z.B. die Gedenkschrift von Pastor Braune im Jahr 1940, dann vor allem auch die Predigt des Kardinals von Galen. Dieser schaffte erstmals Öffentlichkeit. Diese Predigt erzielte eine große Breitenwirkung und war auch in Rom bekannt. Der polnische Untergrund wollte sie damals übersetzen.

 

  • Samstag, 6. Juni 2015 – Sozialzentrum des Sächsischen Krankenhauses, Großschweidnitz

 

Dr. Holm Krumpolt: Von der Sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz zum modernen Fachkrankenhaus
Die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz wurde 1902 eröffnet, in ländlicher Lage und erholsamer Umgebung. Früher war es ein Rittergut gewesen. – Viele gute Ideen entwickelten sich; ein Schwerpunkt war u.a. die Arbeitstherapie. – Die Jahre im 1.Weltkrieg waren Mangeljahre; 1917 lag die Mortalität bei 42,9%.
In der Mitte der 20iger Jahre stieg die Bettenzahl auf über 700 an. Im 3.Reich erfolgte ein Niedergang der Anstalt, die im Rahmen der T4-Aktion auch als Zwischenanstalt genutzt wurde. Von 1939-44 wurden in 152 Sammeltransporten 6.726 Patienten nach Großschweidnitz verlegt. In der Phase der „zentralen Euthanasie“ erfolgten diese Massenverlegungen nahezu ausschließlich zur späteren Verlegung in die Tötungsanstalten, hauptsächlich nach Pirna/ Sonnestein. Davon waren ca. 2500 Männer und Frauen betroffen. – In der Phase der „dezentralen Euthanasie“ wurden ca. 5000 Patienten durch Medikamente, Mangelernährung und Vernachlässigung gezielt getötet. – Großschweidnitz kann daher im Grunde wie Meseritz-Obrawalde oder Hadamar zu den großen Tötungsanstalten gezählt werden.
Außerdem gab es ab 1943 eine Kinderfachabteilung, in der ca 270 Kinder ermordet wurden.
Nach dem Krieg wurden 2 Ärzte und 5 leitende Schwestern der Heil- und Pflegeanstalt 1947
zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.
In der DDR wollte man nichts mit dem Thema „NS-Euthanasie“ zu tun haben. Erst 1990 kam ein Gedenkstein. Noch in DDR-Zeiten herrschte eine starke Überlegung, und die Bausubstanz verfiel allmählich. Nach der Wende gab es dann eine stürmische Entwicklung.

 

Dr. Boris Böhm: Das Gedenkbuch für die sächsischen Euthanasieopfer – Ein Projekt der Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Die Arbeit am Gedenkbuch für Opfer aus Sachsen begann nach der Fertigstellung des Gedenkbuches für Pirna/ Sonnenstein im Nov. 2012 und wird noch ca. 2 Jahre dauern. Die Medikamenten-Euthanasie und das Hungersterben spielt dabei eine große Rolle.

 

Christoph Hanzig, M.A.: Die NS- Krankenmorde in Großschweidnitz – Ergebnisse der Probeerfassung der Großschweidnitzer Opfer
Viele der Opfer in Großschweidnitz kamen aus den Heil- und Pflegeanstalten in Waldheim, Alt-Scherbitz und Tschadrass, Anders als es Götz Aly in seinem Buch „Die Belasteten“ beschrieb, setzten sich viele der Angehörigen ein, meist jedoch ohne Erfolg.- Eine wichtige Rolle spielte Pfarrer Achs, der jeweils die Beileidsbriefe schrieb.

 

Josephine Kunze, M.A.: Heime und Pflegeeinrichtungen der Oberlausitz im Spiegel der NS-Krankenmorde – erste Ergebnisse
Eine wichtige Frage war, ob die Bewohner in kleineren Heimen besser geschützt waren.
Es gab: a. Altersheime und b. Versorgungsheime, die jeweils kommunal verwaltet wurden. Als Ergebnis ist festzustellen, dass die Bewohner in diesen kleineren Heimen nicht besser geschützt waren als in den Großeinrichtungen.
Ab 1938 änderte sich die Wortwahl. Man sprach jetzt von „geisteskrank“ und „asozial“, und Altersheime wurden in die Meldebogenaktion mit einbezogen, wenn es dort „Geisteskranke“ gab. In der Meldebogenaktion wurden ca. 800 Einrichtungen erfasst. Eine große Auswirkung hatte vor allem die Senkung der Pflegesätze, die erhebliche Auswirkungen auf die Insassen hatte.

 

Dr. Dietmar Schulze: Die Entwicklung Psychiatrischen Krankenhauses Großschweidnitz nach 1945
Die Untersuchung gehört mit zum Heidelberger Projekt, in dem neben Großschweidnitz drei weitere Heil- und Pflegeanstalten behandelt werden (für den Zeitraum vom 8.5.45 – 31.12.49).
In Großschweidnitz gab es in der Zeit von 1945- 1955 insgesamt 17.337 Aufnahmen. Ein großer Treck kam in der Zeit vom 7.Mai – 16.Mai 1945 an. Von Juli 1945 an stand die Einrichtung unter sowjetischer Besatzung. Weiterhin kamen Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Schlesien. – In manchen Monaten gab es bis zu 30 Todesfällen, auch noch bis 1955/ 56, wobei die Todesursache zum Teil unklar ist.

 

Besichtigung der Gedenkstätte Großschweidnitz

 

Dr. Michael Wunder/ Dr. Gerrit Hohendorf:

 

 

Aktuelle bioethische Fragen: Der Appell gegen eine gesetzliche Erlaubnisregelung der ärztlichen Sterbehilfe
Zu Beginn wurde das frühere Statement von Udo Reiter angeführt. Dieser führte vor seinem Selbstmord an, dass er nicht als Pflegefall enden wollte. Die weitere Frage war. Ist der Suizid ein Akt der Freiheit oder ein Akt der Verzweiflung.
Derzeit gibt es ca. 100.000 Suizidversuche pro Jahr, mit ca. 10.000 Suiziden. Früher war die Zahl wesentlich höher. Dies ist vielleicht auch ein Ergebnis der Suizidpräventon. Eine öffentliche Berichterstattung wird oft vermieden, auch wegen möglicher Nachahmer. Bei Medikamenten sollten die Barrieren höher liegen, um die Tötung durch diese Mittel zu erschweren.
In der Schweiz gibt es seit 2005 neue Regelungen bezüglich der Sorgfaltspflicht. – Es sei zu berücksichtigen, dass ein Angebot auch eine Nachfrage nach sich ziehen kann. Die Linke und auch Künast treten in Deutschland sehr emotional für die Sterbehilfe ein. – 75% der Personen, die Sterbehilfe wünschen, möchten nicht ins Pflegeheim. – Die Ärzte, die Sterbehilfe befürworten, sollten wegen der NS-Erfahrungen etwas vorsichtiger und bescheidener sein.
Klaus Dörner verwies anschließend auf den Hausarzt von Goethe, Hufeland, der sich 1806 gegen Sterbehilfe wandte und ausdrückte, dass dann der Arzt zum gefährlichsten Mann im Staate werde.
Bisher gab es im Bundestag 3 Anträge zum assistierten Suizid: 1. von der CDU (die ein Verbot fordert), 2. von Carola Reimann und Lauterbach, sowie 3. von Sitte (Die Linke) und Gudrun Künast. Der Arbeitskreis „Euthanasieforschung“ hat dazu eine Erklärung vorbereitet, die vor der Abstimmung im Bundestag an alle Abgeordneten verschickt wird. Diese Erklärung wird von Gesundheitsminister Gröhe (CDU) unterstützt.

 

  • Sonntag, 7.6.2015, Aula der Kreismusikschule Löbau

 

Dr. Werner Brill, Dr. Ingo Harms: NS-Täterforschung im öffentlichen Diskurs
Als Beispiel für den öffentlichen Umgang mit Tätern wurde Oscar Orth (1876-1958) angeführt. Er war seit 1922 Leiter des Landeskrankenhauses Homberg/ Saar, bis zu seiner Emeritierung 1947. In der Zeit von 1935-39 war er an Zwangssterilisationen beteiligt. Die Diagnose war oft „angeborener Schwachsinn“ gewesen.
Drei Phasen lassen sich im öffentlichen Umgang mit Orth unterscheiden:
1. Phase der Ehrungen: 1946 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ensheim (seinem Geburtsort) verliehen, 1948 erfolgte dort eine Benennung einer Straße (sowie eines Brunnens) nach ihm. 1957 erhielt er das große Bundesverdienstkreuz.
2. Phase (Diskussion): 1993 erschien eine Magisterarbeit über Zwangssterilisationen im Saarland, in der nachgewiesen wurde, dass Orth an zahlreichen Zwangssterilisationen selber beteiligt war. Das führte zu Diskussionen über die Rolle von Orth.
3. Phase (öffentliches Abrücken): 1993 änderte die Stadt Homberg den Namen ihres Preises von „Oscar-Orth-Preis“ in „Wissenschaftspreis der Stadt Homberg“. 1997 wurde die Oscar-Orth-Straße in Homberg (und 2001 in Ensheim) umbenannt. Die Ehrenbürgerschaft ist mit seinem Tod erloschen.

 

Ingo Harms: Zur Gedenkstätte in Wehnen (Oldenburg)
Nach anfänglichen Planungen und der Unterstützung durch das Krankenhaus in Wehnen kam ein plötzlicher Stopp. Es war kein Geld mehr dafür da. – Andererseits erfolgte zu der Zeit die Gründung eines Museumsdorfes in Cloppenburg, das großzügig unterstützt wurde. Dieses Dorf ist inzwischen sehr bedeutend; kritische Forschung dort gibt es aber nicht. – Inzwischen gibt es eine Gedenkstätte auf dem Gelände der heutigen Karl-Jaspers-Klinik, die 1997 von Betroffenen bzw. von Angehörigen der damaligen Heil- und Pflegeanstalt gegründet wurde.
Zur Forschung in Wehnen: Dort gab es ab 1934 eine starke Reduzierung der Fürsorgekosten von 3,1% auf 1,8%, so dass dadurch insgesamt sogar noch ein Überschuss von 40% erzielt wurde. Die Ökonomie stand für die Heil- und Pflegeanstalt ganz im Vordergrund.
Zur weiteren Situation in Niedersachsen: Als einziges Bundesland hat Niedersachsen keine Landeszentrale für politische Bildung mehr (sie wurde von Christian Wulff abgeschafft). Dafür gibt es aber die Stiftung niedersachsischer Gedenkstätten, die jedoch keine Forschung zur NS-„Euthanasie“ betreibt.

 

Dr. Klaus Dörner: Euthanasiegedanken nach einer Rumänienreise heute

 

 

Bei der Betrachtung sei ein längerer „historischer Atem“ nötig. Seit 1800 gibt es den Verwertungsgedanken. Auch ginge es dabei um Leistungssteigerung. Klaus Dörner erinnert an den Arzt Hufeland, der damals ausdrückte, dass der Arzt zum gefährlichsten Mann im Staate werden könnte. Er bezog sich dabei auf die Sterbehilfe.
Später – im 1. Weltkrieg gab es ca. 70.000 Tote unter den Insassen von Pflegeeinrichtungen. Ein wichtiger Grund dafür war, dass die Rationen in diesen Einrichtungen geringer waren als für andere.
Die Ausgrenzung von Menschen sei eine Erfindung der Psychiatrie, was in guten Zeiten kein Problem sei. Allerdings sei schon dies eine „soziale Euthanasie“, was dann bei den Nazis zur „biologischen Euthanasie“ wurde. Dort habe es mit der Hungerkost eine Art „sozialverträgliches Frühableben“ gegeben.
In Gütersloh habe man daher das Landeskrankenhaus weitgehend aufgelöst. Viele haben den Heimaufenthalt gar nicht benötigt. Vor 25 Jahren folgten ähnliche Schritte in den Alsterdorfer Anstalten (Hamburg) und in Ravensburg. – In Rumänien habe es die Züchtung des sozialistischen Menschen gegeben. Heute hat sich dort aber viel verändert. Es gäbe auch Schlösser und Klöster, in denen Behinderte leben, auch in abgelegenen Gebieten. Auch gäbe es inzwischen die Entwicklung, dass viele in einer eigenen Wohnung leben.

 

Dr. Helga Bose: Die NS-Euthanasie im Gau Thüringen. Von der Einrichtung der gesetzlichen Voraussetzungen zur Durchführung der „Euthanasie“ bis zur Durchführung der „T4- Aktion“
Sie gab einen kurzen Überblick über Maßnahmen zur Zwangssterilisation und NS-„Euthanasie“ im Gau Thüringen in der Zeit von 1938- 1945. – Etwa 790 Insassen von thüringischen Heilanstalten wurden nach Sachsen verlegt, meist in die Zwischenanstalt Tschadraß. Ein Transport von der LHA Hildburghausen ging mit 124 Insassen direkt in die Tötungsanstalt Pirna/ Sonnenstein.
Wichtigster Gutachter für die „Euthanasie-Patienten“ im Gau Thüringen war Prof. Hans Berger, der auch Antragsteller und Beisitzer am Erbobergesundheitsgericht Jena gewesen war. Bis zu seiner Erimitierung im Okt. 1938 war er Leiter der Psychiatrie-Klinik in Jena. Diese Klinik trägt noch heute seinen Namen.

 

Dr. Sabine Hiekisch: Kinder- und Jugendpsychiatrie als Spiegel der Gesellschaft – Ein Erfahrungsbericht
Zu DDR-Zeiten gab es noch keine eigentliche Kinder- und Jugendpsychiatrie in Großschweidnitz (obwohl diese offiziell den Namen „Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie“ seit 1967 trug). Es bestand eher eine Ablehnung dagegen. Auch die NS-Euthanasie“ war in der DDR kein Thema, lange Zeit wurde sie tabuisiert. Erst gegen Ende der DDR setzte eine Auseinandersetzung dazu ein.
In der DDR gab es besondere Probleme: Wer förderungsunfähig bzw. bildungsunfähig war, kam in die Psychiatrie. Viele Angehörige gaben ihre Kinder ab und fragten nicht viel. – Nach der Wende wurden dann alle Kinder und Jugendlichen wieder förderungswürdig. Allerdings gab es neue Probleme. Viele Eltern konnten mit der neuen Freiheit nicht gut umgehen. Teilweise standen sie morgens nicht auf oder überließen ihren Kindern viele Entscheidungen. Auch hier setzte erst langsam ein Lernprozess ein.

 

Udo Dittmann (Oktober 2015)

 

 

Neue Biografie: Emilie Rau

Emilie Rau ist eines der T4-‚Vorzeigeopfer‘ in der Bundesrepublik. Seit Anbeginn wird sie in der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Hadamar porträtiert, mit ihrer Biografie wird im pädagogischen Begleitprogramm von vielen Gruppen gearbeitet, sie wird in wissenschaftlichen Studien, Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung, Zeitungsartikeln, Filmdokumentationen und privaten wie offiziellen Webseiten erwähnt.

 

Emilie Rau mit Familie

Emilie Rau mit Familie

 

So beginnt ein Text, der weit mehr ist, als ein Versuch, die Biografie eines Opfers der NS-„Euthanasie“ zu rekonstruieren. Andreas Hechler bettet das historische Geschehen in Reflektionen darüber ein, wie in seiner Familie erinnert -oder aber auch nicht- wird – und das verweist dann auf die vielen Abwehrversuche nach 1945, die man als Trias von nicht anerkennen-nicht erinnern-nicht entschädigen fassen kann. Zugleich ist die Biographie ein Kapitel im Sammelband Cora Schmechel u.a. (Hrsg.): Gegendiagnose. Beiträge zur radikalen Kritik an Psychologie und Psychiatrie. edition assemblage, Münster 2015, der an dieser Stelle ebenfalls zu empfehlen ist.

 

Angesichts dieser Öffentlichkeit wirkt die Präsentation auf der Website der Gedenkstätte Hadamar zunehmend befremdlicher. Dort ist sie, Gepflogenheiten der Rücksichtnahme auf Datenschutz und den angeblichen Schutz von Angehörigen folgend, als Emilie R. zu finden. Andreas Hechler hat dazu die richtigen Argumente gefunden:

 

Sollten der Veröffentlichung der Namen tatsächlich rechtliche Hindernisse im Weg stehen, so möchte ich als einer, auf den sich da standardmäßig bezogen wird, als ›heute lebender Verwandter‹ sagen: Das passiert nicht in meinem Namen! Und auch nicht im Namen eines Teils meiner Familie. Mein Vater hält die Anonymisierung für »Quatsch« und mein Cousin Sebastian antwortet auf die Frage, ob der NS-›Euthanasie‹-Opfer mit vollem Namen gedacht werden sollte: »Ja. Die haben genau so ein Recht wie alle anderen, die ermordet worden sind.« Meine Großmutter schrieb schon 1989: »Speziell für mich ergibt sich daraus die Forderung, daß meine unglückliche Mutter nicht anonym unter einem Denkmal versteckt bleibt!

 

Die Biographie in Kurzform und einen Link zum langen Text finden Sie hier.

 

Erweiterte Biographie: Walburga Kessler

Vor einigen Jahren fand Matt Kessler eine Person unter seinen Vorfahren, von der er noch nie etwas gehört hatte: Seine Urgroßtante Walburga Kessler. Seit 1999 trug er Dokumente, Fotos und Erinnerungen zusammen. In seinem neuesten Update der Biographie auf unserer Seite berichtet er unter anderem von der Stolpersteinverlegung am Ort der Ermordung, der Anstalt Irsee in Bayern. Ein weiteres, fast schon unheimliches Resultat seiner Recherchen ist die Auffindung von Filmaufnahmen, die 1940 und 1941 in Irsee im Auftrag der Planungszentrale der Aktion T4 angefertigt worden waren.

Darauf ist auch Walburga Keßler zu sehen, die wie die anderen von den Vinzentinerinnen betreuten Behinderten zu Propagandazwecken vorgeführt wurden. 1988 verwendeten Ernst Klee und Gunnar Petry in ihrem Film „Alles Kranke ist Last“ einen Teil der Aufnahmen. Da dieser Film auf youtube gelangte, konnten die Aufnahmen in die Biografie integriert werden.

Stolperstein für Walburga Kessler in Irsee

Stolperstein für Walburga Kessler in Irsee

Links 19

Was tut sich punkto Erinnerung an die NS-„Euthanasie“? Hier einige Hinweise. Ergänzungen gerne in den Kommentaren!

 

Die Ausstellung „In memoriam . Euthanasie im Nationalsozialismus“ ist vom 23.10.2015 bis zum 31.1.2016 im Stadtmuseum Kaufbeuren zu sehen.

 

 

Mit einem Gedenkgottesdienst erinnert die Diakonie Kork am Freitag, 23. Oktober, 10.30 Uhr, in der Kreuzkirche an die Ermordung von 113 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Kork im Mai und Oktober 1940.

 

Die Welt berichtet über die Aufarbeitung der Ermordung behinderter Kinder in Lüneburg. Menschen mit Behinderungen werden aktiv einbezogen.

 

Das Netzwerk für Demokratie und Respekt Buch-Karow organisiert einen Gedenkspaziergang in Berlin-Buch. Sie laden dazu ein, Formen des Gedenkens zu erkunden und die Frage, was diese Ereignisse und Menschenbilder auch für die heutige Zeit bedeuten, zu reflektieren.

 

Akten von 400 Salzburger Opfern der NS-Euthanasie, die Patienten der Christian-Doppler-Klini waren, werden untersucht.

 

Der Tagesspiegel brachte eine Rezension zu „Die Erwählten“ von Steve Sem-Sandberg über die NS-„Euthanasie“-Klinik Am Spiegelgrund in Wien.

 

Am 5.11.2015 werden Begleitmedien zum Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde in Berlin in der Topographie des Terrors vorgestellt.

 

Die aktuelle Ausgabe des Distanz-Magazins widmet sich dem Thema Behinderung.

 

 

„Annas Spuren“ jetzt in leichter Sprache

„Annas Spuren“ ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen von Sigrid Falkenstein. Sie war zufällig über die so genannte „israelische Liste“ mit dem Bundesarchiv entwendeten Namen von Opfern der Aktion T4 auf ihre Tante gestossen.

 

Das Buch war -und ist- sehr gut verkauft und damit gelangte die NS-„Euthanasie“ auch in die großen, klassischen Medien. Bisher fehlte aber ein inklusiver Zugang zu dem Buch, z.B. für Menschen „die nicht so gut lesen können“, wie der Verleger, der Spaß am Lesen Verlag, schreibt.

Annas Spuren in leichter Sprache

Annas Spuren in leichter Sprache

Wir unterstützen Sigrid Falkensteins Aufruf, dem Verlag in seinen Bemühungen, das Wissen um die NS-„Euthanasie“ allgemein bekannt zu machen, zu helfen. Sie schreibt:

 

Leider gibt es viel zu wenige Bücher in Einfacher Sprache, daher möchte ich das Projekt nach Kräften unterstützen.
Da der Verlag kaum Mittel für Werbung hat, bitte ich Sie darum, die Information in Ihren jeweiligen Verteilerkreisen zu verbreiten.

Das Buch ist beim Verlag zu haben, und auch im Buchhandel.

 

Wir starten einen Schul- und Amateurtheater-Wettbewerb

andersartig gedenken on stage logo

 

Wir unterstützen Theater gegen das Vergessen.  In einem bundesweiten Wettbewerb laden wir Theatergruppen dazu ein, sich mit Biographien von Menschen zu beschäftigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden, weil sie als unheilbar oder psychisch krank oder als geistig behindert galten.

 

Kooperationen zwischen Theatergruppen mit Menschen mit und ohne Behinderung sind ausdrücklich erwünscht.Wir unterstützen bei der Suche nach Biografien, Fakten und vermitteln Begegnungen mit Angehörigen.

 

Mehr zur Teilnahme, Anmeldung und den Bedingungen hier.

 

Dieses Projekt wird von zahlreichen Unterstützern getragen.

 

 

Die Entstehung der Gedenkstätte Hadamar. Ein Beitrag von Reimund Benack

Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941  Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941 Ansicht von Norden mit Blick auf Busgarage Quelle Fold 3

In der Gaskammer der früheren Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar wurden von Januar bis August 1941 (T 4 Aktion) ca. 10.000 Patientinnen und Patienten ermordet. Nach einer Pause von einem Jahr nahm die Anstalt Hadamar die Funktion einer Tötungsanstalt wieder auf. Als solche war sie eingebunden in die „zweite Mordphase“, bei der noch einmal von August 1942 bis Kriegsende ca. 4.500 Menschen in Hadamar getötet wurden. Dies geschah vor allem durch Verabreichung von überdosierten Medikamenten, Spritzen und gezielter Mangelernährung.

 

Vom Personal in Hadamar waren an den Morden in den Jahren von 1941 bis 1945 aktiv beteiligt: fünf Ärzte, ein Verwaltungsleiter und weibliche sowie männliche Pflegekräfte. Sie mussten sich in zwei Nachkriegsprozessen für die von ihnen begangenen Verbrechen verantworten. Während Ärzte und Verwaltungsleiter aus heutiger Sicht mit geringen Gefängnisstrafen davon kamen, wurden drei Pfleger, die an der Tötung von Patienten durch Medikamente und Spritzen direkt beteiligt waren, durch Befehl Nr. 4 der Militärkommission des Befehlshabers der Siebenten Armee der Vereinigten Staaten, am 14. März 1946 gehängt.

 

1980 wurde Dr. Wulf Steglich  neuer Chefarzt der Psychiatrie Hadamar.
Er beschreibt in seinem Buch: „Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar“ 1)Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
die Schwierigkeiten eines Neuanfanges und Umdenkens in der Behandlung der Patienten und die erheblichen Behinderungen seiner Aktivitäten zur Einrichtung einer Euthanasie-Gedenkstätte im Keller der Psychiatrie Hadamar.

 

Chefarzt Dr. Wulf Steglich traf in der Psychiatrie Hadamar offenbar chaotische Zustände an. Zeitzeugen berichten heute, dass es unter anderem in der Anstalt Hadamar noch bis in die späten sechziger Jahre vorkam, dass Patienten mit Wasserstrahl, Elektroschock und Schlägen traktiert wurden.2)Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980

 

Steglich wollte die Psychiatrie Hadamar, die nach dem Krieg vom Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) teilweise noch bis 1970 mit Pflegepersonal aus der NS-Zeit und nach den veralteten Methoden früherer Ärzte geführt wurde, erneuern. Er erreichte viel beachtete und gefeierte Anfangserfolge, stieß dabei aber auch auf erhebliche Widerstände.

 

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

Keller der Psychiatrie Hadamar mit Patientenakten aus der NS-Zeit 1983. Foto Dieter Fluck

 

Zum Eklat  kam es dann, als er und sein Team die Keller der Psychiatrie Hadamar öffneten, Patientenakten der Euthanasieopfer sichteten, aufarbeiteten und endlich am Buß- und Bettag 1983 erstmals die von Steglich und seinen Aktivisten eingerichtete Gedenkstätte der Öffentlichkeit zugängig machten.

 

Nach Auffassung des LWV Hessen, dem Bürgermeister, den Geistlichen beider Konfessionen und der Kommunalpolitik ein schlimmes Vergehen, denn sie hatten die in der Kleinstadt Hadamar praktizierten Strukturen des „Schweigens und Vergessens“ durchbrochen.

 

Dafür haben die Aktivisten um Steglich und Kneuker teuer bezahlt:
Ihre Aufarbeitung der Euthanasieakten wurde behindert wo es nur ging. Die Verwaltungsleitung der Psychiatrie verbot ihnen sogar, das Kopiergerät der Klinik zu benutzen. Die Aktiven wurden argwöhnig überwacht und kontrolliert, ob sie neben ihrer Forschungsarbeit auch genügend für die Klinik leisten. Sie empfanden sich gemobbt verspürten blanken Hass.

 

Dr. Steglich schreibt im Buch:
„Es kann von uns nicht so einfach weggesteckt werden, das Projektionsziel der Aggression von Mitarbeitern – kommunaler, institutioneller und politischer – zu sein.“

„Intrigen, Kündigungsversuche, Querelen um alles und nichts lähmen, binden Kräfte. Heute, Jahre danach, stockt an dieser Stelle die Niederschrift des Buches. Wieder und wieder erhebt sich die Frage, wie in dieser Klinik mit dieser schrecklichen Vergangenheit (heute noch d. Red.) mit Patienten und Mitarbeitern umgegangen wird.“

 

Steglich weiter:
„Viel Positives erfahren wir zu unserer Arbeit. Misstrauen begegnet mir aber auch. Zu gerne hätte ich mit meiner Familie weiterhin in diesem landschaftlich schönen Ort gelebt. Das Befassen mit der Vergangenheit hat mich jedoch vor die Frage gestellt, ob ich unter unwürdigen Arbeitsbedingungen weiterarbeiten und resignieren will – ähnlich vieler „Täter“ in der Euthanasie – oder ob ich unter dem Eindruck wieder aufkommender früheren Strukturen, da die Vergangenheit nicht bearbeitet ist, aus dieser Klinik ausscheide.“

 

Politische Psychiatrie
Dr. Steglich am 15. Juni 1983 –
„ Nur noch wenig Zeit bleibt uns, um das geplante erste Hadamarer Psychiatrie-Symposium zu belegen. Es soll im November stattfinden. Wir stehen im Zielkonflikt zwischen weiterem Dahindämmern und positiver Öffnung. Gerade das Befassen mit der schrecklichen Vergangenheit der Klinik macht uns deutlich, dass wir nur dann hier weiterarbeiten können, nur dann mit Patienten im humanistischen Sinne umgehen, wenn wir uns den immer drängender werdenden Fragen in der Psychiatrie stellen. Ganz besonders drängt sich in Hadamar das Problem auf, wie politische Psychiatrie damals war und heute sein darf.

Gern gesehen ist unser Projekt allerdings nicht. Zu allem Überfluss haben wir auch noch die verrückte Idee, am Buß- und Bettag, der in die Veranstaltungsreihe fällt, einen Euthanasie-Gedenktag einzubauen. Wer wird uns helfen, die uns nun bekannten Räume der Mordaktion zu einer würdigen Informations- und Gedenkstätte herzurichten? Werden überhaupt Besucher kommen? Wer wird die hohen Aufwendungen tragen? Wo werden wir die Zeit, – neben unserer üblichen Klinikarbeit – hernehmen, um das massenhafte Material durchzusehen, uns weiter sachverständig zu machen?

 

Buß- und Bettag 16. Nov. 1983 – Die Dokumentations- und Gedenkstätte Hadamar wird eröffnet.
Dr. Wulf Steglich schreibt in seinem Buch:
„Heute haben wir den – Euthanasie-Tag – des 1. Hadamarer Psychiatrie-Symposiums. Noch am Morgen sind wir ungewiss, welches Interesse gerade diesem Thema entgegengebracht wird, Der vollbesetzte Festsaal beseitigt unsere Zweifel. Viele Gespräche am Rande der Veranstaltung machen uns deutlich, dass eine Menge von uns erwartet wird. Objektive Aufklärung wird verlangt. Heute eröffnen wir die in den letzten Wochen mit viel Mühe entstandene Gedenkstätte in den ehemaligen Vergasungs- und Verbrennungsräumen des Hauses 5. Gestern ließ sich der Landesdirektor diese Dokumentations- und Gedenkstätte zeige. Er war voll des Lobes über unsere Arbeit. Heute haben wir bereits mehrere hundert Gäste in den entrümpelten Räumen. Viele für die Zukunft wichtige Kontakte knüpfen wir an diesem Tag.

Zweifel schleichen sich auch ein in unsere Gespräche heute. Aus unserer Erfahrung und aus der Arbeit mit Patienten wissen wir, dass immer dann, wenn Verdrängtes aufgedeckt wird, heftiger Widerstand erfolgt. Wann wird man auf uns die ersten Steine werfen?“

 

Abmahnung und Kündigung zum 30.Juni 1985
Für Dr. Steglich völlig überraschend, wurde er Ende 1984 vom LWV Hessen abgemahnt, zur Kündigung seines Arbeitsverhältnisses aufgefordert und zum 30.Juni 1985 vom LWV entlassen. Gerhard Kneuker kündigte wissend, dass für ihn unter den gegenwärtigen institutionellen Gegebenheiten eine Weiterarbeit nicht mehr möglich war.

 

Anderen Mitstreitern erging es ähnlich. Sie wurden gemobbt bis zur eigenen Kündigung oder gingen freiwillig. Mehrere mussten ihre Lebensplanung völlig ändern, da man ihnen nach meiner Informationen auch gedroht hatte: „Wir werden dafür sorgen, dass ihr im Kreis Limburg keinen Arbeitsplatz mehr finden werden!“ Einige verließen die Klinik, weil sie nicht in einer Psychiatrie arbeiten wollten, die offensichtlich selbst nicht bereit war, ihre Geschichte aufzuarbeiten und die sich daraus notwendig ergebenden Schlüsse in die Tat umzusetzen. Hadamar ist heute wieder eine der Zwangsbehandlung offenstehende Anstalt.

 

Dr. Steglich schreibt am 30.Juni 1985:
„Wir wollen für uns bekennen, dass wir mit unserer Hoffnung, dem „neuen Hadamar“ und einer „neuen Klinik“ dienen zu können, gescheitert sind.
Die zukünftige Betrachtung wird uns bestätigen: Eine Veränderung ist ohne Aufarbeitung nicht möglich. Eine moderne, humane, soziale und transparente Psychiatrie muss sich ihrer eigenen Geschichte stellen, besonders in Hadamar“.

 

Zweite Kammer Arbeitsgericht Limburg.
Dr. Steglich klagt vor dem Arbeitsgericht gegen die Kündigung. Der Richter stellte fest, dass die Differenzen zwischen Personalrat und Chefarzt nicht einseitig angelastet werden könne. Dem LWV hielt er vor, im wahrsten Sinne Punkte gegen den Arzt gesammelt und nicht deutlich genug geschlichtet zu haben.

Der Verteidiger von Dr. Steglich führte aus, dass sein Mandant bei seinem Amtsantritt in Hadamar „Chaotische Verhältnisse vorgefunden hat.“ Bei dem Neuaufbau der Klinik und der Umstrukturierung sei es zwischen Mitarbeitern und Personalrat zu Differenzen gekommen, die es immer und überall gebe. Dem LWV warf der Verteidiger mangelnde Fürsorge gegenüber dem Chefarzt vor.

Der Richter stellte fest: Die Kündigung sei vor Gericht nicht wirksam. Da der Mediziner als leitender Angestellter jedoch anderen Kündigungsschutzbestimmungen unterliege, werde das Arbeitsverhältnis dennoch beendet, weil es der Arbeitgeber beantragt habe.

 

Die Aufteilung der Gerichtskosten zeigt auch die Aufteilung der Schuld: ¼. Dr. Steglich – ¾ . der LWV Hessen.  Beim Vergleichstermin vor dem Arbeitsgericht im Dez. 1985 3)nnp 19.12.1985 spricht dieses Dr. Wulf Steglich eine Abfindung von rund 80.000 DM zu.

 

 

Weiterführung der Gedenkstätte nach Dr. Steglich
Dr. Steglich und seine Unterstützer befürchten die Schließung der Gedenkstätte nach seiner Entlassung und wenden sich diesbezüglich im Mai 1985 an den LWV Hessen und die Kirchen.

 

Danach haben sich die Zeiten geändert. Bereits im Jahr 1988 war eine Gedenkstätte für die Euthanasie-Verbrechen des NS-Regimes zu haben, nicht schlimmes mehr. Opportunismus war Mode geworden.
Zusammenfassung:
Dr. Steglich ist aus den vorstehend aufgeführten Sachverhalten als Gründer der Gedenkstätte Hadamar anzusehen. Bis heute wird dies vom LWV Hessen, den bisherigen Verantwortlichen der Gedenkstätte Hadamar und der Kommunalpolitik verschwiegen.
Dr. Wulf Steglich wird die Anerkennung seiner richtungweisenden Leistungen als Gründer der Gedenkstätte Hadamar bis heute vorenthalten und verweigert.

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Wulf Steglich, Gerhard Kneuker (Hrsg.): Begegnung mit der Euthanasie in Hadamar, Psychiatrie-Verlag 1985, ISBN 978-3-88414-068-0 / Neuauflage Heimdall Verlag 2013, ISBN 978-3-939935-77-3
2. Vgl. Ernst Klee: Bis ins letzte Bett geprügelt. In: Die Zeit v. 4.1.1980
3. nnp 19.12.1985