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Rez.: Thomas Röske, Maike Rotzoll (Hg.): Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen

Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Wilhelm Werner Sterelationszeichnungen Cover

Erschienen Heidelberg 2014.Verlag Das Wunderhorn. Umfang 118 Seiten. Preis 24,80 €. ISBN 978-3884234709

 

Publikationen zur nationalsozialistischen Praxis und Theorie der Zwangssterilisationen gibt es mittlerweile einige, darunter auch solche, die die Nachgeschichte in Form von Rekompensationsforderungen und ihrer hauptsächlichen Ablehnung in der BRD untersuchen 1) Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010. Die vorliegende Publikation geht nun weit über die vorhandene Literatur hinaus und  präsentiert  in einer überzeugenden Art und Weise „die einzig bislang bekannten bildkünstlerischen Reaktionen eines Betroffenen auf die Zwangssterilisation“ (S. 5). Die Herausgeber zeichnen im einleitenden Aufsatz das Leben von Wilhelm Werner nach, der, nachdem er seine Sterilisation erdulden musste, ein Opfer des NS-Krankenmordes in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein wurde. Werner, der die Operation konsequent als „Sterelation“ bezeichnete, empfand sich selbst als „Volksredner und Theaterrekesör“ (S.9) und wurde 1898 bei Nürnberg geboren. Bereits als Zehnjähriger von den Eltern in die „Idiotenanstalt“ Gemünden“ gegeben, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg  in der Heil- und Pflegeanstalt Werneck aufgenommen. Die von dort an die Zentrale des Krankenmordes in der Berliner Tiergartenstraße 4  gesandten Meldebögen wurden erst vor kurzem zufällig im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden aufgefunden und enthalten auch denjenigen, den ein Arzt der Anstalt für Wilhelm Werner ausfüllte und der ihn somit der Ermordung überantwortete.

Eine der Zeichnungen Wilhelm Weners zeigt eine Sterilisation. Inv.Nr.8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

Eine der Zeichnungen Wilhelm Weners zeigt eine Sterilisation. Inv.Nr. 8083_3_2010 Sammlung Prinzhorn Heidelberg

 

Die Autoren ziehen zur Interpretation seiner Zeichnungen lange kunsthistorische Linien und verweisen auf italienische Maler des 16. Jahrhunderts ebenso wie auf expressionistische Graphiken Oskar Schlemmers aus den 1920er Jahren. Sie deuten die Arbeiten Werners als „Zeitsignatur“, als „Reflexe der umgebenden Kultur, von der kein Gesellschaftsmitglied unberührt bleibt“ (S. 25) und stellen fest, dass sie unseren Erfahrungshorizont überschreiten und in ihrer rätselhaften Darstellungsweise die Eigenschaft des Autors als Außenseiter betonen.

 

Die eingangs erwähnte überzeugende Art der Präsentation des Werkes Wilhelm Werners beruht jedoch nicht nur auf dem großen Wissensschatz, aus dem die Autoren schöpfen. Hervorzuheben ist insbesondere die optische Gestaltung des Buches, die sich durchgängig an den Stil der im Jahr 2008 vom Museum Sammlung Prinzhorn angekauften Blätter des Zeichners orientiert. Erwähnt werden muss auch die durchgängige Zweisprachigkeit in englischer und deutscher Sprache, womit ein Grundstein gelegt sein könnte für die Überwindung des viel beklagten Mangels an Übersetzungen von Arbeiten aus dem Bereich der Forschungen zum NS-Krankenmord. Nicht zuletzt ist der Fund der Meldebögen der Anstalt Werneck ein Beweis dafür, dass auch nach mehr als 30 Jahren an Forschung zur NS-„Euthanasie“ durchaus noch neue Ergebnisse zu erwarten sind.

 

 

Einzelnachweise   [ + ]

1. Stefanie Westermann: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2010.

Rez: Boris Böhm (Hrsg.): „Wird heute nach einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Sachsen überführt.“ Die Ermordung ostpreußischer Patienten in der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein im Jahre 1941

Erschienen: Leipzig 2015; Leipziger Universitätsverlag. Umfang: 172 Seiten. Preis: 22 €. ISBN: 978-3-86583-976-3

 

„Wird heute nach einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Sachsen überführt.“ Die Ermordung ostpreußischer Patienten in der nationalsozialistischen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein im Jahre 1941.

„Beim Thema NS-„Euthanasie“ vermischt sich diese Kollektivgeschichte erschreckend real mit meiner Familiengeschichte“.

Dieses Bekenntnis von Birte Lauer Winkler in ihrem die Publikation einleitenden Porträt ihrer Urgroßmutter, die aus Ostpreußen nach Pirna-Sonnenstein deportiert und dort ermordet wurde, steht beispielhaft für einen großen Teil der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ nach 1945. Sie fand sehr oft aus einer persönlichen Betroffenheit von Angehörigen, Ärzten, Familienforschern und Amateurhistorikern statt.

 

Dieser Band nun istauch  das Ergebnis einer Professionalisierung von Forschung zur NS-„Euthanasie“, die oft mit der Einrichtung von Gedenkstätten einherging. Wie Boris Böhm in seiner Einführung hervorhebt, soll die Mordaktion, der 623 Ostpreußen zum Opfer fielen, nicht als ein singuläres Ereignis gefasst, sondern in die deutsche und ostpreußische Sozial- und Gesellschaftsgeschichte eingeordnet werden (S. 14)

 

Boris Böhm, Hagen Markwardt und Ulrich Rottleb zeichnen demzufolge kenntnisreich und unter Nutzung zahlreicher auch abgelegener Quellen die Geschichte der ostpreußischen Antalten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nach. Dabei werden nicht nur die Entwicklungslinien der  großen Anstalten wie etwa Tapiau, sondern auch kleinerer Einrichtungen der Behindertenhilfe geschildert. Sie führen die im Vergleich mit anderen Teilen Deutschlands verspätete Einrichtung einer psychiatrischen Versorgungsstruktur auf die durch die überwiegend agrarische Struktur der ostpreußischen Wirtschaft gegebenen Möglichkeiten der Betreuung innerhalb der Familien zurück.

 

Ulrich Rottleb und Birte Laura Winkler schildern in dem anschließenden Kapitel den Beginn der Krankenmorde 1939 und die Ermordung ostpreußischer Patienten im Frühjahr 1940 durch ein Sonderkommando in Soldau. Damit weichen sie die etwas enge Eingrenzung des Titels des Bandes zwar auf und weiten den Blick sowohl chronologisch wie auch geographisch. Sie folgen aber im Wesentlichen der neueren wie auch älteren Forschungsliteratur zum Thema und zeigen den Beginn der Benutzung von Giftgas im Warthegau, das mittels eines Gaswagens auch zur Ermordung von etwa 1500 Patienten in einem Lager im ostpreußischen Soldau verwendet wurde. Etwas unverständlich bleiben muss hier, warum die bahnbrechende Arbeit von Michael Alberti 1)M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension nicht rezipiert wurde. Dies kann angesichts der Menge der verarbeiteten Literatur aber als marginaler Mangel betrachtet werden. Nicht so aber der Umgang mit Materialien der Justizbehörden, die im Zuge des Düsseldorfer Verfahrens gegen den HSSPF Wilhelm Koppe entstanden. Dass der Argumentation der Anklageschrift des Staatsanwaltes einfach so gefolgt wird, ohne die besonderen Entstehungsbedingungen, die verfolgten Ziele (nämlich eben explizit nicht geschichtswissenschaftliche Forschung zu leisten) und die beschränkte Aussagekraft dieser Quellenform zu thematisieren, ist ein Versäumnis, das eigentlich seit dem wegweisenden, von Jürgen Finger u.a. herausgegebenen Sammelband nicht vorkommen sollte. 2)Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension  Dies wird aber mehr als ausgeglichen durch eine fundierte Analyse der Gruppenstruktur der Opfer und durch zwei Biographien von Opfern der Mordaktion in Soldau, deren volle Namen dankenswerter Weise genannt werden.

 

Boris Böhm und Birte Laura Winkler zeigen im nächsten Kapitel, dass die Anstalt Kortau als Sammelanstalt für Transporte nach Sachsen im Sommer 1941 diente. Etwa 4.000 Patienten waren dabei auf die sächsischen Anstalten Groschweidnitz, Arnsdorf und Zschadraß, aber auch auf solche in Brandenburg verteilt worden. Böhm schildert die Entwicklung der zur Ermordung vorgesehenen Anstalt Pirna-Sonnenstein, an der auch Direkttransporte aus Ostpreußen ankamen und analysiert die Tatbeteiligung unterschiedlicher Ärzte sowie die Logistik der Transporte, die schon im Vorfeld der Morde zu zahlreichen Todesfällen unter den Patienten u.a. durch die Überbelegung von Anstalten geführt hatte. Hier machen sich die im Rahmen eines Projektes zur Erfassung aller in Sachsen ermordeter Patienten geleisteten Vorarbeiten außerordentlich positiv bemerkbar: So kann Böhm den genauen Todestag für die nach Pirna gebrachten ostpreußischen Patienten nennen.

 

Birte Winkler beschreibt daran anschließend in biographischen Skizzen, die auf den im Bundesarchiv Berlin archivierten Krankenakten basieren, die Lebenwege von Opfern der Morde in Pirna-Sonnenstein. Es ist eine emotional nur schwer zu ertragende Lektüre, wenn durch die dichte und empathische Beschreibung die oft schwierigen und verwickelten Lebensgeschichten dieser Menschen hervortreten.

 

Böhm, Christoph Hanzig und Ulrich Rottleb schildern im nächsten Beitrag den Fortgang der Morde nach der Einstellung der Aktion T4 im August 1941. In Zschadraß, Arnsdorf und Großschweidnitz wurden ostpreußische Patienten durch Medikamente, Hunger und Mangelversorgung ermordet, wobei die Beweisführung oft schwierig ist. Dennoch beeindruckt, welche Detailstufe durch das genaue Studium der überlieferten Krankenakten möglich ist. Auch hier schließen sich Biografien von Patienten dem Analyseteil des Beitrages ein.

 

Im dem den Band abschließenden Beitrag zum Umgang mit den Krankenmorden bis in die Gegenwart unterziehen Böhm und Hagen Markwardt die Erinnerung an die Krankenmorde einer kritischen Analyse. Sie kontestieren ein „idealisiertes Ostpreußenbild für die Zeit vor 1944/45“ (S. 156) und behaupten einen „fast vollständigen Bruch der über 90-jährigen psychiatrischen Tradition“. (S. 157) Damit zeigen sie zwei Komponenten auf, die neben der fehlenden Zugänglichkeit von Quellen als Ursachen für die inadäquate Erinnerungskultur nach 1945 ins Spiel kamen. Bemerkenswert ist die von den Autoren rekonstruierte Diskurspraxis auf den Seiten der Heimatvertriebenen-Publikation „Wir Ostpreußen“, in der noch 1950 behauptet wurde, die Patienten seien von ihrem Leiden erlöst worden. (S. 159) Ob es von Seiten sowjetischer bzw. russischer Historiker eine Aufarbeitung der Krankenmorde auf dem Gebiet des Oblast‘ Königsberg gab, bleibt leider unerwähnt. Die Autoren kommen zum Schluß, dass die ostpreußischen Opfer der Krankenmorde nicht mehr vergessen seien und können als Beleg eine eindrucksvolle Liste an Publikationen und Gedenkformen an unterschiedlichen Orten anführen.

Ein Orts-, Literatur-, und Abblildungsverzeichnis beschließen den Band.

 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass den Autoren des Bandes eine eindrucksvolle Kompilation gelungen ist, die in sich stimmig ist und z.B. Wiederholungen weitestgehend vermeidet. Der Anspruch, die Ereignisse in Ostpreußen und in Pirna in die deutsche Sozial- und Gesellschaftsgeschichte einzuordnen, kann nicht immer als gelungen bezeichnet werden. Dies ist jedoch ein Manko nicht nur dieses Bandes, sondern nahezu aller mittlerweile erschienener Detailstudien zu Regionen oder Anstalten, die von den NS-Krankenmorden betroffen waren. Er ist aber angesichts des ansonsten exzellent analysierten Quellenmaterials auch vielleicht einfach unnötig. Besonders hervorzuheben ist die lückenlose Integration von Biografien von Opfern in den Band. Damit wurde ein Level an integrierter Geschichtsschreibung erreicht, an dem sich zukünftige Publikationen werden messen lassen müssen. Wünschenswert wäre ein Überblick über die Quellenlage gewesen und damit vielleicht auch eine Aussage über die Perspektiven der Forschung zu diesem Gebiet.

 

Insgesamt ist eine Arbeit zu loben, die Standards setzt und teilweise weit übertroffen hat.

Einzelnachweise   [ + ]

1. M. Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im ReichsgauWartheland. Wiesbaden 2006. Rezension
2. Jürgen Finger, Sven Keller, Andreas Wirsching (Hrsg.) :Vom Recht zur Geschichte. Akten aus NS-Prozessen als Quellen zur Zeitgeschichte.  Göttingen 2009. Rezension

[UPDATE mit Programm ] CfP: Tagung des AK NS-„Euthanasie“ 3.-4.10. 2015 Alt-Rehse

Update: Der CfP ist beendet. Das Programm steht und ist hier zum Download verfügbar.

Lange war es unklar, ob es überhaupt eine Herbsttagung des „Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen“ geben wird, doch dann sprang quasi in letzter Sekunde die Erinnerungs-, Bildungs- und Begnungstätte Alt-Rehse ein. Dort passierte ab 1935 unter anderem Folgendes:

Weiterlesen…

„Euthanasie“ – ein guter Tod? Nach- und Auswirkungen in der DDR

Wir freuen uns, im Folgenden einen Text von Dr. Ilja Seifert zu dokumentieren. Er diskutiert mit den Nach- und Auswirkungen der NS-„Euthanasie in der DDR ein wenig beachtetes Thema und zeichnet so auch den Weg zu den aktuellen Auseinnandersetzungen um das Teilhabegesetz nach.

 

„Bundesarchiv Bild 183-1990-0125-035, Berlin, Demonstration von Behinderten“ von Bundesarchiv, Bild 183-1990-0125-035 / Zimmermann, Peter / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0125-035,_Berlin,_Demonstration_von_Behinderten.jpg#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0125-035,_Berlin,_Demonstration_von_Behinderten.jpg

Demonstration vor dem Kino International „Bundesarchiv Bild 183-1990-0125-035, Berlin, Demonstration von Behinderten“ von Bundesarchiv, Bild 183-1990-0125-035 / Zimmermann, Peter / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons –

 

Neubau-Wohnungen, die auch für Menschen gut nutzbar sind, die sich im Rollstuhl fortbewegen, waren bis in die beginnenden 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der DDR unbekannt. Einer derjenigen, die das änderten, war Ulrich Ringk, ein verhältnismäßig kleiner Mann mit schlohweißem Haar. Er arbeitete im „Waldhaus“ des Klinikums Berlin-Buch, einem der Zentren der Querschnittgelähmten-Rehabilitation. Seinerzeit betrachtete man Behinderung noch sehr stark als medizinisches Problem. Aber immerhin fand der fast 60jährige, der von Geburt an körperlich beeinträchtigt war (damals sagte man noch „geschädigt“ dazu), dort Arbeitsbedingungen vor, unter denen er seine Fähigkeiten entfalten konnte. Und er fand – unter Ärzten und sonstigem medizinischen Personal, aber auch unter Patientinnen und Patienten – Aufmerksamkeit, wenn er davon erzählte, wie seine Familie ihn vor der „Euthanasie“ rettete. Da war nachwirkende Angst spürbar. Die Erinnerung daran wurde zum Teil seiner Persönlichkeit. Sie trieb ihn an, stets noch „besser“, noch „nützlicher“, noch „effektiver“ sein zu wollen als all seine Kolleginnen und Kollegen.

Er kam mir am 2. September d.J. bei der feierlichen Einweihung einer zentralen Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der Nazi-„Euthanasie“ wieder in den Sinn. Sie vervollständigt die Reihe der Erinnerungs- und Mahnorte, an denen der faschistischen Verbrechen an „Minderheiten“ gedacht wird. Weder der Ort noch der Zeitpunkt sind Zufall. Hier stand seinerzeit die Stadtvilla, in der am 9. Oktober 1939 der als „Wohltat“ verbrämte Massenmord an „Krüppeln“, „Idioten“ und anderen „Erbkranken“ beschlossen und anschließend bürokratisch-routiniert organisiert wurde. Es ist also ein Ort der (Schreibtisch)Täter. Und dieser „Euthanasie“-Erlass wurde nachträglich – man sagt, von Hitler persönlich – auf den 1. September 1939 rückdatiert. Der Überfall auf Polen, mit dem der verheerende II. Weltkrieg begann, und die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ waren zwei Seiten einer Medaille.
Ewiges Leid?

 

 

Wir gedenken a l l e r Opfer des Faschismus. Und wir halten j e d e s Einzelne in Ehren. Das gilt für jedes I n d i v i d u u m. Das gilt für jede G r u p p e. Deshalb ist es gut, dass – neben den Gedenkstätten für die europäischen Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen – auch die barbarische, systematische Ermordung von rund 300.000 Menschen mit Behinderungen angemessen und würdig in mahnender Erinnerung gehalten wird. Die neue, gläserne Gedenk- und Informationsstätte wird dem Anliegen – auch die systematische Vernichtung von rund 300.000 Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in Erinnerung zu halten – viel stärker gerecht als die schwer auffindbare Bronzetafel, die dort seit Ende der 80er Jahre in den Bürgersteig eingelassen ist.
Ulrich Ringk sprach das Wort „Euthanasie“ nicht rückwärtsgewandt aus. Nein, er warnte davor, dass der Gedanke, „unwertem Leben“ durch diesen „guten Tod“ sogar noch etwas „Gutes“ zu tun, durchaus noch nicht überwunden sei. Er machte uns Jüngere auf den euphemistischen (beschönigenden) Charakter des Wortes sehr nachdrücklich aufmerksam.
Wenn wir aller Ermordeter gedenken sowie Jede und Jeden ehren, verwischen wir nicht die Unterschiede, die sie zu Opfern machten. Bei Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Republikanhängern war es die politische Haltung. Bei Juden – ähnlich wie bei „Zigeunern“ – die „Rasse“. Homosexuelle wurden wegen ihrer sexuellen Identität verfemt, verfolgt und vernichtet.
Menschen mit Behinderungen hingegen wurden von Ärzten, Juristen und Ökonomen von ihren „ewigen Leiden befreit“. Die theoretische „Begründung“ dafür legten der Arzt (Psychiater) Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding schon kurz nach dem I. Weltkrieg mit dem Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1922). Die Nazis verbrämten die Ermordung sogar zur Wohltat: Wenn diese „Missgeburten“ für medizinische Experimente missbraucht wurden – z.B. indem man an ihnen Medikamente „testete“, ohne irgendeinen therapeutischen Nutzen zu erwarten –, sollten sie „froh“ sein, auf diese Weise den „Ariern“ wenigstens irgendwie „nützlich“ sein zu können.
Gleichzeitig diskreditierten Nazis sie als „unnütze Esser“, die der „Volksgemeinschaft“ nur „Kosten“ bescherten und die „Volksgesundheit“ insgesamt beeinträchtigten. Glück könnten sie ohnehin nicht empfinden. Ihr Leben sei „unwert“. Damit wandten sie ein probates Mittel an: Zuerst stigmatisiert (kennzeichnet) man, dann macht man verächtlich; und so wird es oft leicht zu diskriminieren. Die Nazis scheuten dann auch nicht vor der massenhaften Ermordung (sie sprachen von Ausrottung, Ausmerzung, Unschädlichmachung) zurück. Bei Juden, bei Kommunisten, bei Sinti und Roma, bei Sozialdemokraten, bei Homosexuellen, bei Nicht-Ariern (z.B. in der besetzten Gebieten), nicht zuletzt also auch bei Menschen mit Behinderungen. Indem letzteren auch noch Etiketten wie „geisteskrank“ angeheftet wurde, konnte sogar mit einer hohen „Verständnisrate“ gerechnet werden.
Als in der Georg-Benjamin-Straße in Berlin-Buch die ersten „Rollstuhlfahrer“-Wohnungen im Rahmen des komplexen Wohnungsbau-Programms entstanden, hatte Ullrich Ringk einen beachtlichen Anteil daran, dass der soziale Blick auf Behinderung (und die Menschen, die mit ihren Beeinträchtigungen leben!) die medizinische Dominanz zurückdrängte. Immerhin führte das u.a. dazu, daß in den 80er Jahren 10% aller Neubauwohnungen „behindertengerecht“ errichtet wurden. Ihr Standard verbesserte sich mit zunehmender Erfahrung. Auch setzte sich die Erkenntnis rasch durch, daß gehbehinderte Menschen nicht automatisch immer nur im Erdgeschoß wohnen wollen.

 

Umfassendes Teilhabebedürfnis
Dennoch blieb die caritative Geste, das Gutmeinen bzw. „Gönnen“ von ein bisschen Freude durchaus noch lange dominierend. Das Leben mit Behinderung blieb – trotz einiger Aufklärung, die das UNO-Jahr der Behinderten (in der DDR: das Jahr der „Geschädigten“) brachte – etwas „Fremdes“, etwas zu Vermeidendes, etwas zu Heilen bzw. zu Reparierendes. Diese Haltung ist bis heute durchaus noch weit verbreitet.
Das Selbstbewusstsein behinderter Menschen wuchs. Verbesserte Wohnbedingungen ließen – vor allem im Zusammenhang mit verhältnismäßig guten Arbeitsmöglichkeiten und einem hohen Beschäftigungsgrad von Menschen mit Behinderungen – das Bedürfnis nach Mobilität und Teilnahme an andren Lebensbereichen rasch ansteigen, sodass auch Bordsteinabsenkungen in Neubaugebieten zur Normalität und auf großen Alt-Straßen eingeführt wurden. Überall war Ullrich Ringk einer der sachkundigsten Berater für Stadtplaner und Bauleute.
Die T-4-Gedenkstätte allein vermag das Ausmaß des Verbrechens und die kalte Routinemäßigkeit ihrer Ausführung nur teilweise zeigen. Hier werden Einzelschicksale deutlich. Ähnlich arbeitet die Topographie des Terrors. Indem den Ermordeten ihr Name, ihr Lebensgeschichte und auch ihre Familie wiedergegeben wird, entreißen wir sie der Anonymität der großen Masse. Aber erst in Verbindung mit den Orten der Taten – den Vernichtungsanstalten – kommt uns die ganze Perversität des Vorgangs ins Bewusstsein. Hier seien nur die gut geführten – leider durchaus unterfinanzierten – Gedenkstätten in Pirna-Sonnenstein und Hadamar genannt. Aber auch die Geschichte der „Reichsärzteführer-Schule“ im idyllischen Alt Rehse, an dem medizinisches Personal systematisch auf die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ vorbereitet wurde, kann uns die unglaublicher Verrohung und Verdrehung ethischer Werte begreifen lehren.
Unser heutiges Menschenbild ist von der UN-Behindertenrechtskonvention geprägt. Es lobt die Vielfalt, kennt Behinderungen und chronische Erkrankungen als selbstverständliche und gleichberechtigte Bestandteile der Gesellschaft. Sie will freie Persönlichkeitsentfaltung durch volle Teilhabe auf der Basis solidarischen Handelns.

 

Illusionäre Verheißungen
Aber die Gefahr ist längst nicht gebannt. Heute fühlen Menschen mit Behinderungen sich von neuesten „medizinischen Fortschritten“ und den damit verbundenen Veränderungen des Menschenbildes bzw. illusionären Verheißungen des „Machbaren“ bedroht. Die hehren Ziele der Behindertenrechts-Konvention sind längst noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Auch heute noch engen reine „Kosten-Nutzen-Rechnungen“ freie Entfaltungsmöglichkeiten ein. Auch heute noch wird der Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile nicht selten als „Luxusbonus“ bezeichnet, den wir (die Gesellschaft) uns „nicht leisten“ könnten. Auch heute noch wird der „Wert“ mancher Menschen an ihrer „wirtschaftlichen Verwertbarkeit“ gemessen. Das macht uns (den Menschen mit Behinderungen und unseren Angehörigen) – auch, wenn es sich nur um „Einzelmeinungen“ handeln sollte – Angst. Desgleichen können die immer wieder auflebenden Debatten um „Sterbehilfe“ – in denen von „Lebensverlängerung durch Drähte und Schläuche“ über „assistierten Suizid“ bis zu „Tötung auf Verlangen“ nahezu alle Varianten von „nicht mehr lebenswert“ durcheinander gewürfelt werden – unser So-Sein im Da-Sein akut gefährden.
Eine der Konsequenzen, die Ulrich Ringk aus seinem Überleben im Faschismus zog, war, dass er sich denen anschloss, die am konsequentesten gegen die Nazis kämpften: Er wurde Kommunist.
Unsere heutigen Debatten über genetische Untersuchungen und Therapien lernte er nicht mehr kennen. Aber ich bin sicher, dass er sie sehr argwöhnisch begleiten würde. Verheißungen von „ewiger Gesundheit“, „ewiger Schönheit“, womöglich von „ewigem Leben“ durch vorgeburtliche Genmanipulation wären ihm gewiss ebenso suspekt wie Präimplantationsdiagnostik (PID) oder invasive bzw. nicht-invasive Gentests, die keinen anderen Sinn haben, als „Normabweichungen“ zu diagnostizieren. Als wenn es eine „Norm für Mensch“ gäbe! Erst recht erhöbe er gewiss seine Stimme sehr lautstark gegen Äußerungen wie „Das (ein Kind, das mit Behinderung geboren wird) müsste heute doch nicht mehr sein.“ und die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, dass die Solidargemeinschaft (z.B. die Krankenkasse bzw. das Sozialamt) dafür nun wirklich nicht (mehr) aufkommen müsse bzw. könne.
Es gibt Länder in unserer Nachbarschaft, in denen „Euthanasie“ durchaus wieder einen positiven Klang zu bekommen beginnt. „Assistierter Suizid“ wird in manchen Debatten plötzlich zum höchsten Grad freier Selbstbestimmung. Dass solche „Sterbehilfe-Debatten“ sehr schnell einen erheblichen (moralischen und materiellen) Druck erzeugen können, diese tollen „Angebote“ auch zu nutzen, wenn man – im höheren Lebensalter oder lebenslang – auf fremde Hilfe bzw. den Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile angewiesen ist, wird dabei gern überhört.
Die Erinnerung an die „Euthanasie“ – die alles andere als ein „guter Tod“ ist – mahnt uns: Wachsamkeit tut Not!

 

 

(Erstveröffentlichung in „Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE“, Nr. 296 (Heft 10/2014), S. 23 – 26)

 

 

Links 18

Ergänzungen gerne als Kommentar.

 

TV-Beitrag am 20.7.2015: Ich wäre so gerne heimgekommen. NS-Euthanasie im „Dritten Reich“

 

75. Jahrestag der Beginn der Morde in Pirna-Sonnenstein

 

Wer waren die Opfer der Tötungsanstalt Hadamar? Vortrag von Martina Hartmann-Menz am 25.6. um 18.00 in der Stadthalle Limburg

 

Wanderausstellung über die Tötungsanstalt Hartheim im Jüdischen Museum in Eisenstadt eröffnet. Zu sehen bis zum 26.10.2015.

 

Ein Spielfilm über Ernst Lossa, der in der Anstalt Irrsee ermordet wurde, wird momentan in und um Augsburg gedreht.

 

Schloss Grafeneck, ehemalige Tötungsanstalt und jetziger Sitz einer NS-„Euthanasie“-Gedenkstätte, soll verkauft werden.

 

Besucherrekord in der Gedenkstätte Brandenburg/Havel – wegen der Bundesgartenschau werden die Öffnungszeiten verlängert

 

Kirchenvertreter erinnerten mit einer Veranstaltung im Deutschen Historischen Museum an ihre Verantwortung für die Krankenmorde im Dritten Reich

 

 

 

 

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Sa., 13.6., 11: 00 Führung zu Orten der Organisation des Krankenmordes in Berlin

In Berlin wurde ab 1939 der Mord an Kranken und Behinderten organisiert. Die Führung geht zu Orten der Planung der NS-“Euthanasie“-Verbrechen: Die Tiergartenstraße, der Potsdamer Platz, die Neue Reichskanzlei und die Wilhelmstraße werden als Tatorte und Orte der Täter erkundet.

 

Treffpunkt ist um 11:00 am Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde. Wir freuen uns über Spenden.

 

Orte der Organisation des Krankenmordes in Berlin auf einem Stadtplan von 1936.

Orte der Organisation des Krankenmordes in Berlin auf einem Stadtplan von 1936.

Graue Busse – Rote Busse

Kaum ein Begriff hat sich in Forschung und Gedenkkultur zum systematischen Mord an Menschen mit seelischen und körperlichen Einschränkungen während der Zeit des NS derart verselbständigt wie jener der „Grauen Busse“.

 

Dies, da viele Opfer der „Aktion T4“ mit Omnibussen1)Der Transport erfolgte keineswegs nur mit Bussen, sondern auch mit Zügen der Reichsbahn. Zunächst sollten die Opfer prioritär mit der Reichsbahn zu den Orten der Vernichtung verbracht werden, was sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren ließ. Dazu: Vernehmung Richard von Hegener im Heyde-Prozess HHStaWi Abt. 631a Nr.405 (alt: Ks66) Bl. 10. der Reichspost in die sechs, im Deutschen Reich eingerichteten Tötungsanstalten verbracht wurden. Die Busse der Reichspost und Kraftpost waren jedoch seit dem Jahr 1933 rot und nicht grau. Es waren Maßnahmen des Luftschutzes, die dazu führten, dass sämtliche Omnibusse im staatlichen Überlandverkehr mit einem grün-grauen Tarnanstrich versehen wurden. Darunter auch die von der Reichspost zum Zwecke des Krankentransports zur Verfügung gestellten Fahrzeuge.

 

Aufnahme von Pfarrer Alois Dangelmaier vom 2. 10.1940. Die Feststellung der Identität der Opfer durch das „Pflegepersonal“ ist auf dem Foto ebenso erkennbar wie die bürokratische Abwicklung der Transporte. Auffälliger Weise gibt es die gleiche Aufnahme häufig in der  Farbgebung schwarz/weiß, ohne dass Bezug auf die Farbaufnahme genommen wird.  Quelle: Archiv der Stiftung Liebenau

Aufnahme von Pfarrer Alois Dangelmaier vom 2. 10.1940. Die Feststellung der Identität der Opfer durch das „Pflegepersonal“ ist auf dem Foto ebenso erkennbar wie die bürokratische Abwicklung der Transporte. Auffälliger Weise gibt es die gleiche Aufnahme häufig in der Farbgebung schwarz/weiß, ohne dass Bezug auf die Farbaufnahme genommen wird. Quelle: Archiv der Stiftung Liebenau

 

In der öffentlichen Wahrnehmung sowie der Gedenkkultur ist eine nahtlose gedankliche Verbindung entstanden, die Farbgebung der vermeintlich „Grauen Busse“ in den (naheliegenden) semantischen Kontext der von Seiten der Täter unternommenen Verschleierung und Geheimhaltung der Mordtaten zu stellen. Dieser assoziative Konnex ist jedoch falsch. Die Tarnung durch den grün-grauen Anstrich hatte einzig das Ziel, Fahrzeuge und die als Begleitung eingesetzten Täter vor Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Der in der Reichskanzlei als Materialbeschaffer für die „T4“ tätige Richard von Hegener 2) Richard von Hegener, (1905 -1981) war im Jahr 1932 Mitglied der NSDAP geworden. In der Reichkanzlei war er u.a. für die Beschaffung der Medikamente und des Gases zur Ermordung Kranker sowie für die „Kinderfachabteilungen“ zuständig. Hegener wurde im Jahr 1952 zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt und 1956 entlassen. Klee, Ernst. Das Personenlexikon zum Dritten Reich 3. Aufl. 2011 S. 237. äußert sich hierzu am 9. Mai 1960 im Heyde-Prozess und erklärt, warum die Organisatoren vom ursprünglichen Plan der Nutzung des Reichsbahnverkehrs als Transportmittel absahen und weswegen die Wahl auf die im Straßenbild der 30er Jahre allseits bekannten Omnibusse fiel:

„Da es … Schwierigkeiten wegen des Eisenbahnpersonals und in der Zurverfügungstellung von Wagen, wie auch beim Umsteigen, gab“ wurde beschlossen, „die kurzen“ Fahrten „zu den Zwischenanstalten mit Omnibussen durchzuführen. Die Bereitstellung der Omnibusse durch die Post habe ich erwirkt, weil ich gute Beziehungen zum Postminister 3)Karl Wilhelm Ohnesorge (1872-1962) vgl. http://www.deutsche.biographie.de/sfz73283.html hatte. Die Omnibusse wurden äußerlich zunächst nicht mit einem Tarnanstrich versehen. Sie wurden vielmehr mit dem roten Außenanstrich und der RP-Nummer benutzt; erst nach der Hälfte der Aktion wurden sie – ebenso wie die Reichspostomnibusse – mit dem grauen Tarnanstrich (Luftschutz) versehen. Es hätte ja gar nicht in unserem Sinne gelegen, diese Omnibusse für ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit besonders kenntlich zu machen und herauszustellen.“4)Aussage Richard von Hegener am 9. Ai 1960 im Prozess gegen Werner Heyde HHStaWi Abt. 631a 405/a (alt: Ks/66) S. 10.

 

Die Verschleierung der Mordtaten erfolgte also dadurch, dass sich die zum Transport der Opfer eingesetzten Fahrzeuge nahtlos in das öffentliche Erscheinungsbild der damaligen Fahrzeugflotte der Reichspost bzw. des Kraftpostverkehrs einfügten. Demnach handelte es sich um eine umgekehrte Form der „Tarnung“ durch explizite, geradezu erwünschte Unauffälligkeit im Straßenbild.
Die Zuschreibung „Graue Busse“ als gegenwärtiger sprachlicher Code für die der Reichspost zugehörigen Transportfahrzeuge der „Aktion T4“ ruft Assoziationen des Fremden, Unbekannten, vielleicht auch Furchteinflößenden hervor und bewirkt somit die Kappung der Verbindungslinien von den damals Verantwortlichen zu den heute noch bestehenden Nachfolgeinstitutionen.
Im heutigen öffentlichen Nahverkehr gibt es keine grauen Busse mehr, der Anlass für die Umfärbung ist weggefallen. Somit besteht die Gefahr, dass die Gegenwärtigkeit der noch vielerorts nicht aufgearbeiteten „Euthanasie“ – Morde in einen künstlichen Erinnerungsraum verschoben wird, der die naheliegende und greifbare Verbindung in den heutigen öffentlichen Raum, nämlich die im Überlandverkehr vielfach eingesetzten roten Busse der verschiedenen Verkehrsgesellschaften, ausblendet.

 

Omnibus im überregionalen ÖPNV in Hadamar Ortsmitte Foto: Hartmann-Menz

Omnibus im überregionalen ÖPNV in Hadamar Ortsmitte Foto: Hartmann-Menz

 

Aus historisch-kritischer Perspektive ist die Begrifflichkeit „Graue Busse“ kaum zu halten. Dies auch, weil sich die Täterinnen und Täter eines perfiden Sprachcodes bedienten, der den Mord an den Schwächsten der Gesellschaft verklausulierte, beschönigte und in das ideologische Konzept der NS-„Euthanasie“ einzupassen versuchte, um so die vermeintliche Legitimationsgrundlage für den Massenmord zu schaffen. In bewusster Abkehr davon sollte Sprache als Instrument der Aufarbeitung bereits in sich dem Ziel einer präzisen und schonungslosen Offenlegung von Täter und Strukturen verpflichtet sein.
Viele staatliche, institutionelle und private Mittäter waren wissentlich und in Kenntnis der Morde in die „Aktion T4“ involviert. Neben den unmittelbaren Tätern zählen hierzu Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden, Rentenanstalten, Versicherungen sowie jene, die die „T4“ technisch-organisatorisch ermöglichten. In allen diesen Bereichen, auch bei der Reichspost und der Reichsbahn, gab es nach 1945 personelle Kontinuitäten und eine stillschweigende Übereinkunft der Nicht-Anerkennung von Verantwortung. In der Begrifflichkeit „Graue Busse“ bleibt die Reichspost als maßgebliche Mittäterin beim hunderttausendfachen Krankenmord außen vor.
Die Zurverfügungstellung der Transportmittel seitens der Reichspost, ob rot oder in Tarnfarbe, war ein zentrales Element in der Struktur des Mordapparates. Die Reichspost stellte nicht nur Fahrzeuge, sondern auch umfassende technische und logistische Infrastruktur sowie einen Decknamen der für den Transport der Opfer genutzten Omnibusse zur Verfügung. Die wissentliche Mittäterschaft der Reichspost und ihrer lokalen Dienststellen beim Krankenmord ist unabweisbar:

„Wenn mir zur Kenntnis gebracht wird, daß ein österreichischer Zeuge erklärt hat, zu Beginn der Euthanasieaktion sei ihm mitgeteilt worden, er gehöre als Kraftfahrer nun zu der Staffel von Hegener, so habe ich ihm zu erwidern: diese Bezeichnung existierte. Genau hieß es „Sonderstaffel von Hegener“. Anfänglich hatten wir fast ausschließlich Fahrzeuge von der Reichspost. Der Reichspostminister hatte mir eine Bescheinigung des Inhalts ausgestellt, daß die in der Bescheinigung genau bezeichneten Fahrzeuge in jeder Reparaturwerkstatt der Deutschen Reichspost bevorzugt repariert werden konnten. Es hätten sich Schwierigkeiten ergeben können, weil ja diese Fahrzeuge während des Einsatzes bei der T4 nicht von Postbeamten, sondern von Zivilisten gesteuert wurden. In dieser Bescheinigung war die Bezeichnung „Sonderstaffel von Hegener“ geprägt worden. Die Fahrzeuge unterstanden der Gekrat. Diese trat aber nach außen hin nicht in Erscheinung, infolgedessen war für die Postfahrzeuge von der Staffel von Hegener die Rede.“ 5)HHStaWi JS 16a/63GStA Bl. 6.

 

Ein Bus der „Gekrat“ - mit dem typischen weißen Streifen unterhalb der Fenster. Dadurch  (trotz schwarz/weiß Aufnahme) wird dieser als tatsächlich roter Omnibus identifizierbar. Quelle: Landesarchiv NRW

Ein Bus der „Gekrat“ – mit dem typischen weißen Streifen unterhalb der Fenster. Dadurch (trotz schwarz/weiß Aufnahme) wird dieser als tatsächlich roter Omnibus identifizierbar. Quelle: Landesarchiv NRW

 

 

Betrachtet man die Farbfotografie von Alois Dangelmayer (s.o.) wird deutlich, dass die Szene erst mit dem historischen Wissen um den Sachverhalt der „T4“ ihre Brisanz erhält. Täterinnen und Täter agierten bewusst mit dem Alltagsbild der bekannten Omnibusse; auch um die Opfer zu täuschen. Dies verfehlte seine Wirkung nicht. Viele Opfer glaubten, eine „Spazierfahrt“6) Roer, Dorothee, Henkel Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S. 87. zu unternehmen, wenn sie in eine Tötungsanstalt verlegt wurden. Immerhin bestiegen sie ja ein Transportmittel, dessen Anblick ihnen aus dem Alltag geläufig sein konnte.
Die Terminologie „Graue Busse“ hat gegenwärtig noch keinen Eingang in den Duden gefunden. Infolge der Breitenwirkung des „Denkmals der Grauen Busse“ 7)Lilienthal, Georg. Gaskammer und Überdosis. Die Landesheilanstalt Hadamar als Mordzentrum (1941-1945) In: Hadamar Heilstätte-Tötungsanstalt-Therapiezentrum. Hg. George, Uta, Lilienthal Georg, Roelcke Volker, Sander Peter, Vanja Christina (2006) S. 156 ff. ist es nicht auszuschließen, dass diese historisch unscharfe Bezeichnung eine allumfassende Zementierung in Gedenkkultur und Forschung erfährt. Bisher finden sich noch Hinweise auf die parallele Verwendung der Begrifflichkeiten „Gekrat-Bus“ und „graue Omnibusse“8)Weimer, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982) S. 100. Aus der Zeit der „T4“- Morde stammt der Begriff definitiv nicht. Im Umfeld der lokalen mündlichen Überlieferung nahe der Mordanstalt Hadamar ist von „Mordkisten“ und einmal gar von „blauen Bussen“ die Rede.

 

Der Begriff „Mordkiste“ scheint vom Limburger Bischof Antonius Hilfrich aus der mündlichen Tradition aufgegriffen und im Jahr 1941 erstmals verschriftlicht 9)Protestschreiben des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich wg. „Euthanasie“ vom 13. August 1941. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061 Bd.6.  worden zu sein. Eine der frühesten lokalen literarischen Quellen (1948) zum Krankenmord auf dem Hadamarer Mönchberg erwähnt die Reichspost-Busse so, wie sie im allgemeinen Straßenbild, ob rot oder in Tarnfarbe, wahrgenommen wurden: „Langsam näherte sich ein Omnibus von der Faulbacher Straße her, polterte auf die Brücke.“10)Mathi, Maria. Wenn nur der Sperber nicht kommt (1954) S. 267 f. Zur Autorin sei anzumerken, dass sie, obwohl gebürtig aus Hadamar und in der Region verwurzelt, während der Zeit des Krankenmordes nicht dort, sondern am Bodensee lebte. Allerdings stand sie fortwährend im brieflichen Kontakt mit dem Freundeskreis in Hadamar und kann somit als authentische Chronistin der Geschehnisse in ihrer Heimatstadt gelten. Erst im Jahr 1948 kam sie besuchshalber in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, um dort das Material für ihren Roman zu sammeln. Dieser spielt in Hadamar und hat literaturgeschichtlich lokale Bedeutung. Der literarische Gehalt steht hinter der historischen Relevanz mit Blick auf das Entstehungsjahr 1948 weit zurück. In die lineare, sich über drei Generationen erstreckende Handlung bindet die Autorin reale Geschehnisse und Personen mit fiktionalen Elementen zusammen und thematisiert als erste Autorin die Morde auf dem Hadamarer Mönchberg. Eine 1961 veröffentlichte, auf „authentischen Dokumenten und wahren Begebenheiten“ basierende Erzählung trägt den Titel „Die Mordkiste von Hadamar“11)Hermann, Alfred. Die Mordkiste von Hadamar (1961) Ruhr-Verlag Dortmund 46 Seiten. und greift damit die lokale mündliche Überlieferung auf. Im Spiegel-Artikel „Die Kreuzelschreiber“ (19/1961) wird der Begriff „Mordkiste“ unter Bezug auf Antonius Hilfrich verwendet, und in Christa Wolfs Werk „Kindheitsmuster“ (1976), einem der bekanntesten literarischen Zeugnisse zum Krankenmord ist von „mit Tüchern zugehängten Omnibussen“12)Wolf, Christa. Kindheitsmuster (1976) S. 260. die Rede.
Der erste Chronist der „Euthanasie“-Verbrechen, Ernst Klee, verweist mit dem Begriff „Reichspost-Busse der Gekrat“13)Klee, Ernst. „Euthanasie“ im Dritten Reich (1983) Neuauflage 2014 S. 130. klar und eindeutig auf die politisch Verantwortlichen der Zurverfügungstellung von Infrastruktur für den hunderttausendfachen Mord an Menschen mit seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen.
Im Rückblick auf die politischen Debatten zur angemessenen Terminologie bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit („Vergangenheitsbewältigung“ versus „Aufarbeitung“) 14)Adorno, Theodor. Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften (1959) Bd. 10 (1977) S. 555-572. Und: Aufklärung statt Bewältigung. Tondokumente zur Berichterstattung von Axel Eggebrecht über den ersten Auschwitz-Prozess. Stiftung Deutsches Rundfunk-Archiv (2011). fällt auf, dass der politisch brisante Begriff „Reichspost-Busse der Gekrat“ in Forschungsliteratur und Gedenkkultur Gefahr läuft, hinter der auch sprachlich leichtgängigeren Begrifflichkeit „Graue Busse“ zu verschwinden. Cui bono? Eine Fragestellung, die in der gegenwärtigen Phase der vielerorts erst beginnenden personellen und strukturellen Aufarbeitung der „T4“ – Morde fortwährend im Blick zu behalten ist.
Martina Hartmann-Menz, April 2015

Einzelnachweise   [ + ]

1. Der Transport erfolgte keineswegs nur mit Bussen, sondern auch mit Zügen der Reichsbahn. Zunächst sollten die Opfer prioritär mit der Reichsbahn zu den Orten der Vernichtung verbracht werden, was sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren ließ. Dazu: Vernehmung Richard von Hegener im Heyde-Prozess HHStaWi Abt. 631a Nr.405 (alt: Ks66) Bl. 10.
2. Richard von Hegener, (1905 -1981) war im Jahr 1932 Mitglied der NSDAP geworden. In der Reichkanzlei war er u.a. für die Beschaffung der Medikamente und des Gases zur Ermordung Kranker sowie für die „Kinderfachabteilungen“ zuständig. Hegener wurde im Jahr 1952 zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt und 1956 entlassen. Klee, Ernst. Das Personenlexikon zum Dritten Reich 3. Aufl. 2011 S. 237.
3. Karl Wilhelm Ohnesorge (1872-1962) vgl. http://www.deutsche.biographie.de/sfz73283.html
4. Aussage Richard von Hegener am 9. Ai 1960 im Prozess gegen Werner Heyde HHStaWi Abt. 631a 405/a (alt: Ks/66) S. 10.
5. HHStaWi JS 16a/63GStA Bl. 6.
6. Roer, Dorothee, Henkel Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S. 87.
7. Lilienthal, Georg. Gaskammer und Überdosis. Die Landesheilanstalt Hadamar als Mordzentrum (1941-1945) In: Hadamar Heilstätte-Tötungsanstalt-Therapiezentrum. Hg. George, Uta, Lilienthal Georg, Roelcke Volker, Sander Peter, Vanja Christina (2006) S. 156 ff.
8. Weimer, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982) S. 100
9. Protestschreiben des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich wg. „Euthanasie“ vom 13. August 1941. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061 Bd.6.
10. Mathi, Maria. Wenn nur der Sperber nicht kommt (1954) S. 267 f. Zur Autorin sei anzumerken, dass sie, obwohl gebürtig aus Hadamar und in der Region verwurzelt, während der Zeit des Krankenmordes nicht dort, sondern am Bodensee lebte. Allerdings stand sie fortwährend im brieflichen Kontakt mit dem Freundeskreis in Hadamar und kann somit als authentische Chronistin der Geschehnisse in ihrer Heimatstadt gelten. Erst im Jahr 1948 kam sie besuchshalber in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, um dort das Material für ihren Roman zu sammeln. Dieser spielt in Hadamar und hat literaturgeschichtlich lokale Bedeutung. Der literarische Gehalt steht hinter der historischen Relevanz mit Blick auf das Entstehungsjahr 1948 weit zurück. In die lineare, sich über drei Generationen erstreckende Handlung bindet die Autorin reale Geschehnisse und Personen mit fiktionalen Elementen zusammen und thematisiert als erste Autorin die Morde auf dem Hadamarer Mönchberg.
11. Hermann, Alfred. Die Mordkiste von Hadamar (1961) Ruhr-Verlag Dortmund 46 Seiten.
12. Wolf, Christa. Kindheitsmuster (1976) S. 260.
13. Klee, Ernst. „Euthanasie“ im Dritten Reich (1983) Neuauflage 2014 S. 130.
14. Adorno, Theodor. Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften (1959) Bd. 10 (1977) S. 555-572. Und: Aufklärung statt Bewältigung. Tondokumente zur Berichterstattung von Axel Eggebrecht über den ersten Auschwitz-Prozess. Stiftung Deutsches Rundfunk-Archiv (2011).

Links 17 I Neuigkeiten zum Thema NS-Euthanasie

 

Keine Entschädigung für behinderte Heimkinder

Das Morgenmagazin geht dieser eigentlich unglaublichen Geschichte nach: Wer als Kind oder Jugendlicher in einem Heim missbraucht wurde, bekommt eine Entschädigung. Wer das selbe erlebte, aber behindert war, bekommt -nichts. Dazu auch eine

Online-Petition „Ehemalige misshandelte Heimkinder mit Behinderungen entschädigen – Einrichtung eines Fonds“

 

Preis für Forschung zu Opfern der NS-„Euthanasie“ in Bönnigheim (Baden-Württemberg)

Eine Schülerin forschte im Rahmen des Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten

 

Ausstellung zum Gedenken an Opfer der „Euthanasie“ aus Mönchengladbach 

Video u.a.  mit den Reden der Schüler, die die Ausstellung gestalteten (mit Gebärdensprachdolmetschung)

 

Denkmal der Grauen Busse verlässt Reichenau

 

Ausstellung in der Gedenkstätte Wehnen auf dem Gelände der Karl Jaspers Klinik Oldenburg wird aktualisiert

auch in der Gedenkstätte Großschweidnitz gibt es eine neue Ausstellung über den Krankenmord im Sudetengau zu sehen.

 

Zeitzeugen in Brandenburg/Havel gesucht

Schüler suchen nach Menschen mit Erinnerungen an die „Euthanasie“-Anstalt in der Stadtmitte

 

„Ein Hausarzt, der sterben hilft“

Dossier der Zeit zur Sterbehilfe in den Niederlanden

 

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Krankenmorde in Köln am 12.6.2015

 

Deutsch-polnische Tagung „Gedenkstätten an NS-Verbrechen in Polen  und Deutschland. Von Mahnstätten über zeithistorische Museen zu Tourismusorten“.   11.-13.6.2015 in Oraneinburg und Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Ank: Konferenz „Ethische Aspekte der modernen Fortpflanzungsmedizin“ in Alt-Rehse

Die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt-Rehse veranstaltet am 2. und 3. Oktober 2015 das nunmehr dritte Alt-Rehser Wissenschaftsforum. Diskutiert werden u.a. neue Entwicklungen in der Pränataldiagnostik vor dem Hintergrund deren historischer Entwicklung, die alleine schon der Ort vorgibt: In Alt-Rehse befand sich ab 1935 mit der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft ein Gravitationszentrum der NS-Diskurse um Rassenhygiene und damit zentraler Aspekte der Inklusion und Exklusion in und aus der imaginierten Volksgemeinschaft.

 

Die Anmeldefrist ist der 11. September, hier die Anmeldung , das sehr interessante Programm  und der Flyer.

 

Wer noch eine Motivation braucht: Der Tagungsort ist traumhaft an einem See gelegen. Hier ein paar Impressionen:

Frühjahrstagung AK NS-„Euthanasie“ in Großschweidnitz 5.-7.6.2015

Der Verein Gedenkstätte Großschweidnitz e.V. ist Ausrichter der nächsten Konferenz des Arbeitskreises zur Erforschung der NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisationen. Tagungsorte werden Löbau und die im Aufbau begriffene Gedenkstätte Großschweidnitz in Sachsen sein.

 

Großschweidniz war ein Ort, an dem in verschiedenen Phasen unterschiedliche NS-„Euthanasie“-Verbrechen verübt wurden. Zuerst diente die Anstalt als Sammelstation für die weitere Deportation von Patienten nach Pirna-Sonnenstein. Später wurden Morde durch Hunger und Medikamentengabe vor Ort verübt. Auch osteuropäische Zwangsarbeiter wurden in Großschweidnitz getötet.

Das Programm der Tagung kann hier abgerufen werden; bis zum 30.4. kann man sich noch anmelden.

 

 

Lange’s Kaffee Geschäft – The Film

Shirly und Yaniv Schwartz haben es geschafft und ihren Film zur Aktion T4 und den Krankenmorden im besezten Polen fertiggestellt. Entstanden sind 13 Minuten intensivster Auseinandersetzung mit einem Thema, das wohl kaum zu fassen ist. Die Autoren vermieden eine lineare Erzählung, sondern variierten vielmehr Motive um den zentralen Topos der als Lieferwägen getarnten Gaswägen, die mit der Aufschrift „Kaiser’s Kaffee-Geschäft“ versehen waren.

Langes Kaffeegeschäft (c) Substantial Truth Filmmakers Shirly & Yaniv Schwartz

Langes Kaffeegeschäft (c) Substantial Truth Filmmakers Shirly & Yaniv Schwartz

Wir freuen uns, dass unter anderem mit der virtuellen Rekonstruktion der Organisationszentrale der „Euthanasie“-Morde auch Inhalte unserer Website Eingang in den Film gefunden haben.

Mehr zu den Hintergründen in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog

 

Gedenkinitiative und Archiv: Keine Partner in Schleswig-Holstein?

 

[UPDATE: Die taz berichtete am 27.1.2016 über die Eröffnung des Denkmals]

Der Arbeitskreis Cap Arcona leistet seit Jahren anerkannte und unermüdliche Gedenkarbeit in Neustadt (Schleswig-Holstein). Eines seiner Arbeitsfelder ist die Erinnerung an die Ermordung von psychiatrischen Patient_innen in der NS-„Euthanasie“. Er sieht sich aber Widerständen ausgesetzt: Das Landesarchiv Schleswig-Holstein möchte die Namen nicht herausgeben, das zuständige Ministerium sie nicht veröffentlichen lassen. Dabei wird mit Versatzstücken eugenischen Denkens der 1930er Jahre argumentiert.

Wir dokumentieren hier einen Text des Arbeitskreises und rufen alle auf, ihn zu unterstützen und sich im Kampf gegen das Verschweigen und Vergessen zu engagieren und zu vernetzen.

 

„Die Bemühungen des Arbeitskreises, mit einer Veröffentlichung der Namen der ermordeten Patienten auf einem Gedenkstein in Neustadt einen Beitrag dazu zu leisten, dass der ermordeten Patienten angemessen gedacht werden kann, läßt sich in drei Phasen aufteilen.

 

Nachdem bekannt geworden war, dass die Ameosklinik sämtliche Unterlagen über die ermordeten Patienten zur Aufbewahrung in das Landesarchiv Schleswig gegeben hatte, stellte der AK in dieser ersten Phase dort am 6.3.2014 den Antrag, Einsicht in die Verlegungslisten und Unterlagen betreffend die ermordeten Patienten aus dem Jahr 1941 nehmen zu können.

Gedenkstele auf dem Gelände der AMEOS-Klinik Neustadt/Holstein

Gedenkstele auf dem Gelände der AMEOS-Klinik Neustadt/Holstein

Dieser Antrag wurde – für alle überraschend – vom Landesarchiv Schleswig am 11.3.2014 abgelehnt.

Noch überraschender als die Ablehnung waren die für die Ablehnung vorgebrachten Gründe. Zusammengefaßt und vereinfacht ausgedrückt, meinte das Landesarchiv Schleswig, noch lebende Angehörige der von den Nazis ermordeten Patienten und Patientinnen könnten sich für ihre ermordeten Verwandten schämen und den Umstand,  dass ihre Verwandten als Patienten einer psychiatrischen Klinik getötet wurden, als Makel empfinden. Deshalb sei eine Einsicht in die Akten ebenso wenig möglich wie eine  Veröffentlichung der Namen auf einem Gedenkstein.

 

Aber: Nicht die Opfer, sondern die Täter, von denen viel zu viele nicht einmal wegen ihrer Untaten angeklagt, geschweige denn verurteilt wurden, müssen sich schämen. Sie, und nicht ihre Opfer, sind zu ächten. Darüber sollte Einigkeit bestehen.

Das Landesarchiv verkehrt diese Selbstverständlichkeit ins Gegenteil.

Es behauptet, alle Patienten, die im Rahmen des sog. Euthanasie-Programms ermordet wurden, hätten dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses unterstanden, und dieses Gesetz habe über eine Reihe von Zwischenstationen zur gezielten Tötung der Patienten geführt.

Detail der Gedenkstele

Detail der Gedenkstele

Die Nazis hatten bereits am 14.7.1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Auf der Grundlage dieses Gesetzes konnten psychisch Kranke, vermeintlich psychisch Kranke und andere Menschen, von denen die Nazis meinten, sie seien lebensunwert, zwangsweise sterilisiert werden.  Die Nazis behaupteten, die tatsächlichen oder vermeintlichen Erkrankungen dieser Patienten seien erblich bedingt, deshalb müsse verhindert werden, dass sie sich fortpflanzen.

Das hierauf abzielende Gesetz ist offenkundig verfassungswidrig und nichtig. Hierüber verliert der Ablehnungsbescheid des Landesarchivs kein Wort. Zudem unterstellt es, die später ermordeten Patienten hätten die Krankheit, unter der sie unter Umständen litten, geerbt.

Dies alles liest sich nahezu wie eine Rechtfertigung der Euthanasie, Worte der Kritik sucht man ebenso vergeblich wie einen Hinweis auf das Monströse dieser Nazi-Verbrechen.
Die Mitglieder des Arbeitskreises waren fassungslos angesichts dieser vom Landesarchiv vertretenen Position und legten deshalb gegen den ablehnenden Bescheid  Widerspruch ein. Mit dem Widerspruch begann die zweite Phase.

In seinem Widerspruch betonte der Arbeitskreis insbesondere drei Gesichtspunkte:

  • Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses stellte zu keinem Zeitpunkt eine Rechtsgrundlage für die Morde an den Patienten und Patientinnen dar. Eine Rechtsgrundlage hierfür gab es nicht, eine solche ist auch nicht vorstellbar, weil jedes Gesetz, welches solche Verbrechen erlauben würde, wegen Verstoßes gegen die Menschenwürde verfassungswidrig und nichtig wäre.
  • Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses enthält die Behauptung, die meisten psychischen Krankheiten seien erblich bedingt. Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar. Nur bei sehr wenigen psychischen Erkrankungen gibt es Nachweise für die Möglichkeit einer Vererbbarkeit. Hinsichtlich der ermordeten Patienten kann und darf schon deshalb von einer ererbten Krankheit nicht ausgegangen werden.
  • Da es den Nazis in ihrem Rassenwahn darum ging, die angebliche „Reinheit des deutschen Volkskörpers“ zu erhalten und gleichzeitig angebliche „unnütze Esser“ zu eliminieren, sollten so viele vermeintlich psychisch Kranke wie möglich umgebracht werden. Schon deshalb verbietet es sich, den sog. Diagnosen irgendeinen Wert zukommen zu lassen. Entscheidend ist aber, dass auch eine zutreffende Diagnose einer psychischen Erkrankung, sei sie auch erblich bedingt, niemals die Ermordung des Betroffenen rechtfertigen kann.

Über den eingelegten Widerspruch hatte ein Schiedsausschuß zu entscheiden. Der AK beantragte, vom Schiedsausschuß persönlich angehört zu werden.

Ein weiterer Antrag, gemeinsam mit den Vertretern des Landesarchivs angehört zu werden, scheiterte an der Ablehnung durch das Landesarchiv. Auch ein Antrag, wenigstens bei der Anhörung der Vertreter des Landesarchivs zuhören zu können, scheiterte an deren Ablehnung. Die Vertreter des Landesarchivs wollten die Mitglieder des Arbeitskreises nicht sehen, nicht hören und nicht mit ihnen sprechen.

Die Anhörung dauerte mehr als zwei Stunden. Es stellte sich heraus, dass das Landesarchiv an seiner – unhaltbaren – Argumentation nicht mehr festhielt und stattdessen nunmehr – völlig überraschend – behauptete, aus den Verlegungslisten ergebe sich nicht, wer getötet worden sei.

Informationstext an der Gedenkstele

Informationstext an der Gedenkstele

 

Für den AK lag auf der Hand, dass diese neue Begründung nur ein Scheinargument war.
Denn es ist offenkundig, dass – wenn überhaupt – nur wenige Patienten, die auf den Verlegungslisten aufgeführt sind, nicht ermordet worden sind.  Deshalb erklärte sich der Arbeitskreis damit einverstanden, die Namen aus den Verlegungslisten mit den in den Tötungsanstalten dokumentierten Namen der Getöteten abzugleichen.

Nach Beendigung der Anhörung entschied der Schiedsausschuß noch am selben Tag und gab dem Antrag des AK im Wesentlichen statt.

Die Einsichtnahme in die Verlegungslisten beim Landesarchiv wurde unter folgenden Auflagen gestattet:

  • Es dürfen nur Abschriften aus den Verlegungslisten erstellt werden, nicht aber analoge oder digitale Kopien.
  • Die auf den Verlegungslisten enthaltenen Namen müssen mit den Namen der Ermordeten abgeglichen werden, die in den Tötungsanstalten dokumentiert sind.
  • Die so erlangten Namen dürfen nur im Bereich der Stadt Neustadt, soweit möglich auf dem Gelände der Ameos-Klinik sichtbar gemacht werden.

 

Mit dem Bescheid des Schiedsausschusses endete die 2. Phase.
Der AK befindet sich jetzt in der 3. Phase: dem Abschreiben der Verlegungslisten und dem Namensabgleich.

Ehe mit der Einsicht in die Verlegungslisten begonnen werden konnte, versuchte das Ministerium trotz der eindeutigen Entscheidung des Schiedausschusses mit Email vom 24.7.2014 , den AK dazu zu bewegen, von der gestatteten Sichtbarmachung der vollständigen Namen der Ermordeten abzusehen. Das Ministerium begründete diese Intervention mit dem angeblichen „Interesse der heute lebenden Angehörigen am Nichtwissen“.

Der AK hat in mühevoller Arbeit die Namen, Geburtsdaten und – soweit vorhanden – die Verlegungsdaten in die Tötungsanstalten aus den Akten abgeschrieben und in eine Liste überführt. Diese Daten müssen jetzt abgeglichen werden.

Arbeitskreis Cap Arcona“

 

Warum der auch vom Landesarchiv angeführte Datenschutz nicht greift und ein Scheinargument ist, können Sie hier in einem Gutachten von Dr. Erhart Körting nachlesen.

Decentralized Locations, Digital Humanities

www.gedenkort-t4.eu: This T4 website curated by Robert Parzer reflects the expanding body of materials now available on the contemporary memorialization and research of medical mass murder in Nazi Germany.  I came upon the digital memorial website while co-teaching an undergraduate class titled, “Disabled People and the Holocaust”, with my partner Sharon Snyder this semester (winter 2015) in the English Department at George Washington University.  The class introduced students to a body of scholarship about the T4 program from the late 1970s to the present.  Following publications on Action T4 by the German author Ernst Klee and the American medical historiographer of Nazi physicians, Robert J. Lifton, researchers began unearthing the elaborate system of deception implemented by National Socialist eugenicists to systematically destroy disabled German people in psychiatric institutions at the opening of World War II.

Asklepios-Klinikum Brandenburg/Havel Foto David Mitchell

Asklepios-Klinikum Brandenburg/Havel Foto: David Mitchell

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Franz Stangl, Österreich, die Kirche und der Wille zur Verdrängung

Franz Stangl und Gitta Sereny

Franz Stangl und Gitta Sereny 1971

Franz Stangl war Österreicher, aus dem eher deutschnational gesinnten Teil der Donaumonarchie. Er war Polizist und wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland Büroleiter der Euthanasie-Mordanstalt Hartheim und danach Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka. Sereny, selbst ein spätes Kind Österreich-Ungarns, interviewte ihn für ihr Buch „Am Abgrund. Eine Gewissensforschung“ 1971 im Gefängnis kurz vor seinem Tod. Gerd Bucerius schrieb 1982 in der Zeit nach der Lektüre dieses Buches einen langen, bedrückenden Essay über die Möglichkeit der Täterschaft.

„Da liegt auch – kommen wir je in eine gleiche Lage – unsere Chance, die wir nicht glauben dürfen, wir seien so viel besser geschaffen worden als Stangl. Sind wir erst auf dem Wege, ist selbst für den Redlichen kaum noch eine Entkommen; das hat Gitta Sereny bewiesen.“

Der Essay gehört wohl zum Besten, was im Feuilleton jemals zur „Euthanasie“ und zum Holocaust geschrieben wurde. Geschickt, aber nicht effektheischend, verwob Bucerius immer wieder persönliche Erinnerungen in den Text, der in weiten Teilen auch eine Auseinandersetzung mit der Rolle der katholischen und der evangelischen Kirche ist. Für ihn ergab sich völlig klar, ohne großes Hin und Her über die Validität des historischen Arguments, die Ablehnung von Sterbehilfe:

„Ich erinnere, daß mein Vater vor mehr als 60 Jahren (als Beigeordneter der Stadt Essen) abends nach Hause kam vom Besuch einer Anstalt, in der katholische Schwestern solche Unglücklichen pflegten. Unter dem Eindruck des Entsetzlichen hat er gefragt, ob der Tod nicht einem solchen Leben vorzuziehen sei. „Aber wir dürfen sie nicht töten“, sagte er. „Wir müssen ertragen, daß diese Unglücklichen leiden. Wir müssen ihnen helfen, wie wir nur können.“ – Heute ist die Entscheidung einfach: Wir haben erlebt, wo die Mitleidstötung endet.“

Die deutsche Biographie des Österreichers Stangl wurde durch seine Beschäftigung bei VW in Brasilien nach seiner Flucht mit Hilfe des katholischen Bischofs von Graz, Hudal, noch abgerundet. Dass es letzlich nur dem unbedingten Willen eines anderen Österreichers (und auch jüdischen Sohnes der k.u.k. Monarchie), nämlich Simon Wiesenthals, zu verdanken ist, dass er überhaupt vor Gericht gestellt wurde, mag da wie eine Ironie des Schicksals wirken. Stangl, der Mörder mehrerer Hunderttausend Menschen, blieb für seine Tochter Renate ein beinahe Heiliger, wie Bucerius am Schluss seines Essays erzählt:

„Nichts in der Welt kann mich veranlassen zu glauben, daß er je etwas Falsches getan hat. Er verstand mich. Er hat durch dick und dünn zu mir gehalten. Ich liebe ihn – ich werde ihn immer lieben. Ich hoffe, er weiß es dort, wo er jetzt ist.““

Damit leistete sie die Verleugnungsarbeit, die Harald Welzer in seiner Studie „Opa war kein Nazi“ für die Generation der Enkel nachwies. Ob Renate Stangl jetzt, 30 Jahre nach dem Erscheinen des Essays von Bucerius, wohl anders denkt? Und wie denken -oder vorsichtiger gefragt: was wissen- die Nachkommen der vielen Tausend Ärzte, Pfleger, Bürokraten und anderer, die den Krankenmord durchführten? Bis jetzt hat nur eine einzige Stellung bezogen: Mireille Horsinga-Renno ist die Nichte des Hartheimer „Euthanasie“-Arztes Georg Renno. In einem Interview erzählt sie von ihrer Konfrontation mit der Familiengeschichte, die im Buch „Der Arzt von Hartheim“ resultierte.

 

 

 

Film: „Lange’s Kaffee-Geschäft“

Sehr schnelle Schnitte, Videospielästhetik, ein fortlaufendes, irrwitziges Wechselspiel von historischen und aktuellen Aufnahmen von Personen, Dingen und Orten, mehr gehauchte als gesprochene Kommentare – nicht unbedingt Stilmittel, die man in einer filmischen Auseinandersetzung mit einem Kapitel der NS-Geschichte erwarten würde. Noch dazu ist es ein besonders düsteres Kapitel:

Der Titel des Kurzfilmes „Lange’s Kaffee-Geschäft“ spielt auf die Verzahnung von Krankenmorden und Judenvernichtung im besetzten Polen an. Ein Gaswagen -also eine mobile Gaskammer– wurde von einem kleinen Sonderkommando unter der Leitung des Polizisten Herbert Lange eingesetzt, um  psychiatrische Patienten zu ermorden. Viele Zeugen erinnerten sich daran, dass die Aufschrift „Kaisers Kaffee-Geschäft“ auf dem Gaswagen angebracht war.  Später wurde dieser Wagen im ersten NS-Vernichtungslager Kulmhof in der Nähe von Łódż eingesetzt.

 

Langes Kaffeegeschäft (c) Substantial Truth Filmmakers Shirly & Yaniv Schwartz

Langes Kaffeegeschäft (c) Substantial Truth Filmmakers Shirly & Yaniv Schwartz

Die Regisseure des Kurzfilmes sind Yaniv und Shirley Schwartz, israelische Filmemacher. Zu ihrer Motivation, einen solchen Film zu machen, sagen sie selbst:

My wife and I try to produce each year, at our expense and without any profit, a film about the events of the Holocaust.It’s part of the education we want to give our children. It is part of the knowledge that we want to expose and share with others.
Two years ago we produced a short film about the last letters written by victims of the Holocaust just before they were killed. About Lange’s Kaffe Geschaft – that started because of a movie I watched telling the story of Franz Stangl. Following the film, I began to explore the issue of the death castels…. We wanted to produce something different. Something more cinematic style. Although we have no budget we tried to create that kind of atmosphere and we hope that we managed to get the message across. The „interrogation“ (at the film) emphasizes the „Aktion T4“ as the „trailer“ for the Final solution which is knowledge that we want to expose and share.

Bis jetzt sind ein Trailer und ein kurzer Ausschnitt  veröffentlicht worden. Man darf gespannt sein, wie der fertige Film aussieht. Gefallen wird er sicher nicht allen. Wir haben es vielmehr mit einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem weitgehend unbekannten Kapitel des Holocaust und des NS-Krankenmordes zu tun, die sich bewusst ausserhalb der filmischen und bis zur Übersättigung ausgereizten Konventionen a la Guido Knopp stellt.